Weinende Mädchen sitzen in einem Camp für Flüchtlinge aus Syrien, im Bekaa-Tal (Libanon). | AFP

Auswirkung der Wirtschaftskrise Jedem zweiten Kind im Libanon droht Gewalt

Stand: 17.12.2021 21:35 Uhr

Die Wirtschaftskrise im Libanon hat für Kinder gravierende Folgen: Mehr als eine Million von ihnen sind laut UNICEF dem Risiko psychischer, emotionaler und sexueller Gewalt ausgesetzt.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind mehr als eine Million Kinder im Libanon von Gewalt bedroht - Misshandlungen und Ausbeutung nehmen demnach dramatisch zu.

Die Zahl solcher Fälle, um die sich das Kinderhilfswerk UNICEF und dessen Partnerorganisationen in dem Land kümmerten, habe sich binnen eines Jahres nahezu verdoppelt, hieß es in einer Mitteilung. Wurden im Oktober 2020 noch 3913 Fälle von Ausbeutung und Kindesmisshandlung gemeldet, waren es im Oktober 2021 demnach 5621.

Zwangsehen und ausgesetzte Babys

Jedes zweite Kind im Libanon sei inzwischen einem "ernsthaften Risiko physischer, emotionaler und sexueller Gewalt ausgesetzt, während die Familien versuchen, mit der sich verschlimmernden Krise fertig zu werden". Das Land steckt in einer beispiellosen Wirtschafts- und Finanzkrise, die Inflations- und Arbeitslosenrate ist in die Höhe geschnellt, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung sind in die Armut abgerutscht.

Wegen der desolaten Lage fühlten sich Eltern gezwungen, ihre Kinder zum Arbeiten zu schicken und Töchter in jungem Alter in Zwangsehen zu drängen, teilte UNICEF mit. Immer mehr Babys würden auf den Straßen ausgesetzt.

Syrische Flüchtlingskinder besonders betroffen

Nach UNICEF-Schätzungen lässt eine von acht Familien im Libanon ihre Kinder arbeiten - teilweise schon mit sechs Jahren in landwirtschaftlichen Betrieben. Vier Prozent der libanesischen Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren werden laut Zahlen des Kinderhilfswerks und nationaler Behörden gegen eine Mitgift verheiratet. Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat laut Bericht zugenommen.

Noch düsterer sei die Lage für Kinder syrischer Flüchtlinge. Die Zahl derer, die trotz ihres zarten Alters schuften müssten, habe sich zwischen 2019 und 2021 auf rund 28.000 verdoppelt. Betroffen seien vor allem Jungen, die unter harschen Arbeitsbedingungen misshandelt und ausgebeutet würden. Eines von fünf syrischen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren werde im Libanon zwangsverheiratet. Die tatsächlichen Zahlen seien vermutlich höher.

UN fordern Verbot von Kinderehen

Najat Maala M'jid, die UN-Sondergesandte für Gewalt gegen Kinder, sprach von einem inakzeptablen und vermeidbaren Phänomen. Man könne auch nicht unter Verweis auf die politische und wirtschaftliche Krise eine solche Rechtsverletzung rechtfertigen, sagte sie bei einem Besuch im Libanon der Nachrichtenagentur AP. Sie forderte eine Reform von Gesetzen, um den Schutz von Minderjährigen zu gewährleisten. Dazu sollte ein Verbot von Kinderehen und eine Ausweitung der Sozialhilfe auf Kinder gehören.

Im Libanon ist es verschiedenen Regierungen nicht gelungen, die Wirtschaftskrise zu überwinden. Die Landeswährung verlor in zwei Jahren 90 Prozent ihres Wertes, vier von fünf Libanesen leben unterhalb der Armutsgrenze der Vereinten Nationen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Dezember 2021 um 23:00 Uhr.