Screenshot der Website der Türkisch-Deutschen Universität | www.tau.edu.tr/de

Türkisch-Deutsche Universität Zwei Sprachen und einige Misstöne

Stand: 17.03.2021 14:43 Uhr

Die Türkisch-Deutsche Universität soll ein gemeinsamer Leuchtturm sein. Doch nun gibt es Unruhe an der TDU - Tweets eines Mitarbeiters rufen den Protest von Studierenden hervor.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Taceddin Kutay macht keinen Hehl aus dem, was er denkt. Auf Twitter verbreitet er Nachrichten, die in Deutschland mindestens als Hasssprache gelten würden, manche wären hierzulande wohl auch Anlass für staatsanwaltliche Ermittlungen.  

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Hasssprache in sozialen Medien ist auch in der Türkei Alltag. Ungewöhnlich ist jedoch, dass es sich bei Kutay um einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Türkisch-Deutschen Universität (TDU) in Istanbul handelt.

Kutay ließ, nachdem Bayern München in einem Spiel der Champions League gegen Real Madrid mit 0:4 verloren hatte, am 29. April 2014 seine Follower in türkischer Sprache wissen, er suche für den Münchner Club "einen Deutschen, der Seifen aus den Madrilenen macht". Und fragte, "wo sind diese alten Führer". Letzteres Wort baute er in den auf Türkisch geschriebenen Satz als deutsches Wort ein, um offenbar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, dass es aus seiner Sicht Deutsche von der Sorte benötigt, die bis 1945 die Ermordung von Millionen von Menschen während des Holocaust verantworteten.

In einem im Jahr 2020 geschriebenen Tweet bezeichnet er Homosexualität als Perversion. In einer weiteren Kurznachricht aus dem Jahr 2016 heißt es, "wir spucken auf eure beschissene EU".

Twitter-Account von Taceddin Kutay | Twitter-Account Taceddin Kutay

Der Twitter-Account vom Kuday - er steht in der Kritik. Bild: Twitter-Account Taceddin Kutay

Ein wissenschaftlicher Leuchtturm

Kutay lehrt an der Fakultät für Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften und bietet im laufenden Semester den Kurs "Einführung in die Soziologie" an. Die Lehranstalt ist ein Leuchtturmprojekt. Lehrbeauftragte aus Deutschland, finanziert mit deutschen Steuergeldern, unterrichten mit Kollegen aus der Türkei Studierende aus beiden Ländern. Im Januar 2020 kam die Bundeskanzlerin in die Metropole am Bosporus, um gemeinsam mit Präsident Recep Tayyip Erdogan den Campus zu eröffnen. Kutays Ausfälle auf Twitter waren damals kein Thema.

Inzwischen schlägt eine etwa 30 Studentinnen und Studenten umfassende Gruppe Alarm. Sie haben Kutays Tweets veröffentlicht und sich bei der Universitätsleitung schriftlich beschwert. Bisher gab es keine Antwort. Auch eine E-Mail der ARD an Kutay selbst mit der Bitte seine Meinung zum Vorgang darzulegen, blieb unbeantwortet.

Auf Anfrage der ARD beim Rektor der Universität heißt es per E-Mail, es handle sich bei den Tweets um Kutays persönliche Meinung und man distanziere sich von den Inhalten ausdrücklich. Außerdem habe man eine Kommission gebildet, die den Fall untersuche und einen Bericht erstelle. Erst im Anschluss könne ein Disziplinarverfahren eröffnet werden. Auf eine weitere E-Mail mit der Frage, wann mit einem Ergebnis der Untersuchung zu rechnen sei, antwortete der Rektor nicht.

Merkel und Erdogan schneiden ein Band zur Inbetriebnahme des Campus der Türkisch-Deutschen-Universität in Istanbul durch (Januar 2020) | picture alliance/dpa/dpa Pool

2014 nahm die Universität den Betrieb auf, im Januar 2020 wurde der Campus feierlich von Merkel und Erdogan eröffnet. Bild: picture alliance/dpa/dpa Pool

Bundesministerium verweist auf türkisches Recht

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin will sich offenbar, so gut es geht, aus der Angelegenheit raushalten. Von dort heißt es, man habe Kenntnis über einzelne Äußerungen des wissenschaftlichen Mitarbeiters. Allerdings sei die TDU eine Hochschule türkischen Rechts, die größtenteils aus der Türkei finanziert wird. Die Bundesregierung fördere über den Deutschen Akademischen Austauschdienst von Deutschland entsandtes Lehrpersonal und Stipendien. Auf Stellenbesetzungen türkischer Hochschulangehöriger beziehungsweise arbeitsrechtliche oder disziplinarische Maßnahmen habe man keinen Einfluss. Kutays Tweets verurteilen oder sich zumindest davon distanzieren will das Ministerium nicht.

Studierende befürchten Verzögerungstaktik

Die Studierenden äußern gegenüber der ARD die Sorge, dass die Universität eine Entscheidung so lang hinauszögert, bis sich der Wirbel um Kutays Tweets gelegt hat. Regelmäßig tritt er in TV-Shows regierungsnaher Fernsehsender als Kommentator auf. Dort vertrete er regierungsnahe Positionen, so die Studenten. Außerdem schreibt er für die regierungsnahe Zeitung Aksam.

Nachdem die Studentengruppe Ende Februar die Universität angeschrieben hatte, löschte Kutay zumindest die Kurznachricht mit dem Wunsch nach Führern, die aus Madrilenen Seifen herstellen. "Er hat gute Kontakte in Erdogans Partei AKP", so die Studierenden. Diese könnten ihren Einfluss geltend machen, damit er auf der Universität bleiben kann. Das Türkisch-Deutsche Leuchtturmprojekt dürfte dann jedoch einigen Glanz verlieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2016 um 14:35 Uhr.