Am Set der türkische Serie "Cukur" | Katharina Willinger
Europamagazin

Seifenoper "Çukur" Türkische Serienliebe in Südamerika

Stand: 28.03.2021 05:19 Uhr

Nach Hollywood ist die Türkei zum größten Serienexporteur der Welt aufgestiegen. Vor allem in Südamerika sind türkische Serien ein Hit: Sie zeigen eine heile Welt, nach der sich viele sehnen.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul und Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Mit zwei schnellen Handbewegungen streicht die Maskenbildnerin über die Haare eines dunkel gekleideten Schauspielers. Dann springt sie zur Seite, denn die Kamera läuft schon wieder. Jeder Handgriff muss sitzen am Set der türkischen Serie "Çukur" - denn Puffer haben sie eigentlich keinen: Jede Woche produzieren sie eine 140 Minuten lange Episode, die bereits in der Folgewoche über die türkischen TV-Bildschirme flimmert, erklärt der Produzent der Serie, Yamac Okur. "Was wir hier gerade drehen, wird schon in fünf Tagen ausgestrahlt. Und wir haben erst gestern mit dem Dreh angefangen."

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul
Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

"Çukur" gehört derzeit zu den erfolgreichsten Serien in der Türkei. Der Plot ist simpel: Eine Familie hat in dem gleichnamigen Viertel das Sagen und verfolgt dabei eine Regel: keine Drogen. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. Seit 2017 läuft die Serie auf dem türkischen Sender ShowTV, inzwischen in der vierten Staffel.

Dizis und Telenovelas: Verwandtes Genre

Die Nachfrage nach Serien ist in der Türkei riesig. Die sogenannten "Dizis" bilden ein eigenes Genre im türkischen Fernsehen, vergleichbar mit den aus Südamerika bekannten Telenovelas. Und genau denen machen sie seit einigen Jahren den Rang streitig. Das chilenische Ehepaar Araya-Cisternas, verheiratet seit knapp 50 Jahren, hat seine Liebe zu türkischen Dizis entdeckt: "In diesen Serien wird die Liebe auf respektvolle Weise gezeigt", schwärmt Patricia Cisternas. "Romantischer - diese Blicke und Gesten! Außerdem zeigen sie die traditionelle Familie als einen wichtigen Ort, dem Respekt gezollt wird."

Chilenisches Ehepaar Araya-Cisternas | Katharina Willinger

Das Ehepaar Araya-Cisternas ist von der Serie begeistert - und sieht auch die Türkei dadurch positiver. Bild: Katharina Willinger

Ganz anders moderne Telenovelas aus Südamerika: schnell, laut, mit viel nackter Haut. Männer küssen Männer, Gewalt gehört zum guten Ton. Juan Vicente, Direktor des chilenischen Fernsehenders "Mega", holte vor gut sieben Jahren die erste türkische Serie nach Südamerika. "Binbir gece" - "1001 Nacht" - ging durch die Decke und rette seinen Sender vor der Pleite.

Denn viele Südamerikaner seien eigentlich konservativ, sehnten sich nach einer scheinbar heilen Welt, sagt er: "Die Familienstrukturen in der Türkei sind vergleichbar mit denen in Südamerika. Also patriarchalische Strukturen mit einem starken Großvater oder Vater, der alles bestimmt und anführt. Wie die Familien geführt werden, ist in der Türkei ähnlich wie bei uns."

Produktionsfirmen unter Druck der Behörden

Patriarchalische Strukturen haben in der Türkei vor allem durch die konservativ-islamische Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan Aufwind. Gerade erst stieg er im Alleingang aus der sogenannten "Istanbul-Konvention" aus, die Frauen vor Gewalt schützen soll und die LGBTQI-Community vor Diskriminierung. Tausende gingen auf die Straße, um dagegen zu protestieren - bisher erfolglos.

Den zunehmenden Konservatismus bekommen auch die Produktionsfirmen in der Türkei zu spüren. Filme und Serien wie in den 1990er Jahren - mit Sex, Schimpfworten und Alkohol - sind heute im Fernsehen tabu, erzählt Produzent Yamac Okur: "Es gibt eine Kontrollbehörde in der Türkei, die RTÜK. Sie kontrolliert auch die türkischen Serien und verhängt hohe Strafen, wenn Gewalt oder Sexszenen gezeigt werden. Das heißt: Wir sind gezwungen unsere Geschichten softer zu erzählen, sonst würden sie die Fernsehender gar nicht ausstrahlen."

"Çukur" gehört da schon zu den actionreichen Serien: Mafiastrukturen sind Teil der Geschichte, doch dreht sich auch hier vieles um Familie und Herzschmerz. Etwas besonderes sei der Ort der Serie, erzählt Regisseur Sinan Öztürk: Alles spielt in einem Stadtviertel, jeder kennt jeden. "Wir haben hier eine Kiez-Kultur, es geht um das Zusammenhalten, das heutzutage in der Anonymität des Stadtlebens oft vergessen wird. Wer fällt, wird aufgehoben, wem es schlecht geht, dem wird geholfen."

Am Set der türkische Serie "Cukur" | Katharina Willinger

Erkan Kolçak Köstendil spielt in der Serie "Çukur" einen illegitimen Sohn, der viel zu beweisen hat. Bild: Katharina Willinger

Serien als "Soft Power" für das Landesimage

Mahalle nennt man den Kiez auf türkisch. Im Fall von "Çukur" ist er äußert authentisch und ziemlich anders als in den meisten türkischen Serien, die ein prunkvolles Leben der Mittel- und Oberschicht zeigen: mit dicken Autos und teuren Kleider vor obligatorischer Bosporus-Kulisse. Gedreht wird im Stadtteil Balat, früher die Heimat jüdischer, armenischer und griechischer Gemeinden, heute ein einfaches Arbeiterviertel. Das profitiert nun von der Serie: An vielen Ecken sind in den vergangenen Jahren Cafés entstanden, viele werben mit der Serie.

Auch heute stehen rund 200 Serienfans hinter den Absperrungsbändern der Dreharbeiten. Straßenhändler versuchen ihre Souvenirs an den Mann und die Frau zu bekommen. Zukünftig dürften hier in Balat auch Besucher aus Südamerika durch die engen Gassen schlendern - gerade erst wurde die Serie nach Chile verkauft. Pläne in die Türkei zu reisen hat auch das chilenische Ehepaar Araya-Cisternas. "Es wäre ein Traum für uns", sagt Hector Araya. Seine Frau Patricia ergänzt: "Früher hatten wir die Türkei nie auf dem Schirm. Wir sahen sie als ein gewalttätiges Land mit vielen Attentaten. Heute jedoch scheint sich das gebessert zu haben."

Yamac Okur | Katharina Willinger

Yamac Okur, Produzent der erfolgreichen Serie, sieht darin auch einen Kulturexport. Bild: Katharina Willinger

Serien als Imagepflege.

Mittlerweile ist die Türkei nach Hollywood zum zweitgrößten Serienexporteur der Welt aufgestiegen, wie unter anderem eine aktuelle Studie des staatlichen TV-Senders TRT zeigt. Eine "Soft Power", die nicht selten in Form von romantisierten Historiendramas aus der osmanischen Zeit ein bestimmtes Image zu vermitteln versucht, das sich auch in der Politik der aktuellen türkischen Regierung widerspiegelt: Großreichdenken.

Serienproduzent Okur sieht es entspannter: "Wir exportieren damit ja auch die Kultur, die Sprache und auch türkische Produkte", sagt er. "Im Ausland ist vieles davon erst durch unsere Serien populär geworden. Nehmen Sie beispielsweise türkische Musik, auch sie ist mittlerweile in Südamerika beliebt."

Der Umsatz der Serienindustrie könnte bis 2023 eine Milliarde US-Dollar erreichen, laut Schätzungen der türkischen Filmbranche. Die Ziele hat man dabei klar im Blick: Spanien und Italien sollen als nächstes vom türkischen Serienkult erobert werden.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 28. März 2021 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".