Recep Tayyip Erdogan | picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Türkei Wie Erdogan zum Klimaschützer wurde

Stand: 22.10.2021 14:30 Uhr

Nach jahrelanger Weigerung hat die Türkei das Weltklimaabkommen ratifiziert. Das Umdenken bei Präsident Erdogan hat in erster Linie pragmatische Gründe - und ist aus Expertenperspektive kein großer Schritt.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Jahrelang weigerte sich der türkische Präsident, dass Pariser Klimaabkommen zu ratifizieren. Recep Tayyip Erdogan galt deshalb unter internationalen Staatschefs als Umweltsünder par excellence. Am 21. September verkündete er vor den Vereinten Nationen in New York sein Umdenken. Zwei Wochen später, am 6. Oktober, beschloss das türkische Parlament, die Vorgaben des Klimaabkommens in Zukunft einhalten zu wollen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Ist Erdogan über Nacht zum nachhaltigen Umweltschützer geworden? Özgür Gürbüz, Aktivist im Verein Ekosfer, zählt vier Gründe auf, die Erdogan wahrscheinlich zum Umdenken gebracht haben: Vorneweg seien es finanzielle Zuwendungen durch die Weltbank und andere Länder, darunter Deutschland und Frankreich. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte vergangenen Samstag bei einer Pressekonferenz mit Erdogan in Istanbul die Ratifizierung durch die Türkei.

Nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters soll die Türkei tatsächlich aufgrund der Entscheidung einen Kredit in Höhe von 3,1 Milliarden Euro erhalten.

Mit am Tisch sitzen beim UN-Gipfel

Hinzu komme der Druck durch die Industrie aufgrund des europäischen "Green Deals", meint Gürbüz: Firmenchefs und Verbände hatten die Umsetzung des Klimabkommens gefordert, weil Länder, die sich am "Green Deal" nicht beteiligen, höhere CO2-Importsteuern bezahlen müssen.

Ihsan Caralan, Kolumnist der Zeitung "Evrensel", schreibt, ohne die Entscheidung, die Vorgaben aus dem Klimaabkommen nun endlich umzusetzen, hätte die Türkei beim nächsten Gipfel der Vereinten Nationen am 26. Oktober in Glasgow nur einen Beobachterstatus. Wenig stört den türkischen Präsidenten so sehr, wie bei internationalen relevanten Konferenzen nicht mit am Tisch zu sitzen.

Schließlich sei auch in der türkischen Bevölkerung insbesondere aufgrund der katastrophalen Waldbrände und verschiedener Überflutungen mit vielen Toten im vergangenen Juli und im August ein Bewusstsein für den Klimawandel aufgekommen, an dem Erdogan nicht vorbeikomme, meint der Experte Gürbüz: Gerade junge Türkinnen und Türken attestieren der Gesellschaft und der politischen Führung mangelndes Umweltbewusstsein zu Lasten nachfolgender Generationen.

Keine große Herausforderung

Ein weiterer Faktor ist sicherlich auch die in den vergangenen Jahren stagnierende Wirtschaft des Landes. Als das Klimaabkommen Anfang 2016 in Paris auch von der Türkei unterzeichnet wurde, setzte sich das Land das Ziel, im Jahr 2030 maximal 929 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr auszustoßen. In Ankara ging man damals offenbar noch von einem sehr viel höheren Wachstum und dementsprechend höheren Emissionen aus. Derzeit liege man aber knapp über 500 Millionen Tonnen, bilanziert Gürbüz - folglich sei die Ratifizierung keine besonders große Herausforderung.

Levent Kurnaz ist Professor am Zentrum für Kilmawandel an der Bosporus Universität Istanbul. Aus seiner Sicht ist auch der gestiegene Kohle- und Erdgaspreis ausschlaggebend. Bisher konnten Stromerzeuger mit günstigem Strom aus fossilen Energieträgern gegen das Abkommen argumentieren. Das ziehe nicht mehr im Palast - die Kohle- und Gas-Lobbyisten hätten ihren Einfluss verloren.

Lange hieß es zudem, Erdogan wolle nicht ratifizieren, um die am Abkommen beteiligten Länder dazu zu bewegen, das Schwellenland Türkei auf die Liste der Entwicklungsländer zu nehmen. Dann wären Zuschüsse aus Fonds höher ausgefallen. Dies habe er nicht erreicht und deshalb inzwischen eingesehen, dass es sich nicht lohne, die Strategie weiterzuverfolgen.

Jetzt soll die Türkei bis 2053 ihre Emissionen auf null senken, so will es der türkische Präsident. Je näher man diesem Zeitpunkt kommt, desto mehr dürfte die Industrie gefordert sein. Die Chance, dass sich Erdogan selbst mit dem von ihm gesetzten Ziel dann noch beschäftigen muss, ist allerdings gering.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. August 2021 um 09:10 Uhr in der Sendung "Europa heute" sowie NDR Info am 07. Oktober 2021 um 03:50 Uhr in den Nachrichten.