Eine Gruppe geflüchteter Afghanen in der Nähe der türkischen Stadt Van | EPA

Afghanen in der Türkei Verzweifelte Flucht, schlechte Aussichten

Stand: 22.07.2021 12:58 Uhr

Immer mehr Afghanen verlassen ihr Land aus Angst vor den Taliban. Über den Iran geht es zunächst in die Türkei. Aussicht auf Asyl haben sie dort nicht - sie erwartet ein Leben in Illegalität.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Unterwegs im Osten der Türkei, nur wenige Kilometer von der Grenze zum Iran entfernt. Auf einem Hügel, kaum sichtbar, zeichnen sich die Silhouetten einiger Personen ab. Sie suchen Schutz im Schatten eines Strauches. Als das ARD-Team sich nähert, wollen sie wegrennen. Erst als man ihnen versichert, dass hier nicht die Polizei kommt, bleiben sie stehen. Die Gruppe ist aus der Nähe von Kabul: eine Frau mit fünf Kindern und vier weiteren Minderjährigen, geflohen aus Angst vor den Taliban, erzählen sie.

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul

Mit Hilfe von Schmugglern seien sie aus dem Iran über die türkische Grenze gelangt. "Gegen ein Uhr nachts haben uns die Schmuggler aus der Unterkunft geholt und gesagt: 'Los, es geht weiter!'", berichtet einer der Jungen. "Der Fahrer ist wie verrückt gefahren und hat einen Unfall gebaut. Dann haben sie uns einfach ausgesetzt und gesagt: 'Ihr müsst jetzt weiterlaufen, wir sammeln Euch irgendwann wieder ein.'" Das sei nun mehr als zwölf Stunden her.

Plötzlich wirft sich ein Junge auf den Boden. Militär patrouilliert entlang der einige Hundert Meter entfernten Straße im Tal. Die anderen pressen sich eng zusammen hinter den Strauch. Zwischen ihnen liegt ein kleines Mädchen. Es wirkt völlig erschöpft und dehydriert. Die Mutter streichelt ihm den Kopf. Wie es für die Menschen nun weitergeht, ist unklar. Sie wollen weiter Richtung Westen, bis nach Europa.

Eine baufällige Wohnung als Versteck

Familie Alizadeh aus einer Nachbarprovinz von Kabul hat es bis in die türkische Provinzhauptstadt Van geschafft. Dort verstecken sie sich in einer baufälligen Wohnung, für die ihr letztes Geld draufging. Das Ehepaar sitzt auf einer schmuddeligen Matratze auf dem Boden, neben ihnen drei ihrer fünf Kinder.

Vater Azizullah, 56 Jahre alt, erzählt von ihrem Bauernhof in Afghanistan. Sie hätten in Windeseile alles verkauft und die Flucht ergriffen, als sie hörten, die radikal-islamischen Taliban seien nicht mehr weit von ihrem Dorf entfernt.

Nach dem Truppenzug der NATO habe das kaum eine Woche gedauert. Die Familie gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an, in den Augen der sunnitischen Taliban gelten sie als Ungläubige. "Sie bringen uns Hazaras einfach um", berichtet seine Frau Amineh unter Tränen. "Wir sind dort nicht mehr sicher. Wenn sie uns sehen, würden sie uns einfach erschießen."

Die 12-jährige Sumeye sitzt still neben ihrer Mutter und blickt traurig auf den Boden. Auf die Frage, wie es ihr jetzt gehe, strömen ihr dicke Tränen aus den Augen, sie drückt ihr Gesicht an die Schulter der Mutter. "Ich hatte große Angst vor den Taliban und dass sie mich entführen. Sie tun so schlimme Dinge. Ich hätte es nicht mehr länger dort ausgehalten, aber ich denke ununterbrochen an all die Mädchen, die noch dort sind."

Kein Anrecht auf Asyl

Die Familie will vorerst in der Türkei bleiben, die Mutter hat einen Cousin in einer Provinz nahe Istanbul. Doch die Chance, auf legalem Weg dort hinzugelangen, ist gering. Afghanen haben kein Anrecht auf Asyl, anders als Syrer sind sie nicht Teil des Flüchtlingsabkommens mit der EU.

Viele Afghanen leben daher in der Türkei ein Leben in äußerst schwierigen Umständen. Illegal, ohne Rechte und Krankenversicherung schlagen sie sich schlecht bezahlt mit Gelegenheitsjobs durch.

Eine Begegnung mit Schmugglern

Wer es sich leisten kann, bezahlt daher Schmuggler für die Weiterreise in den Westen des Landes. Dem ARD-Team gelingt ein Treffen in einem ihrer Häuser mitten in Van. Dort verstecken sie Flüchtlinge, die sie weiter nach Istanbul oder Ankara bringen. Das Wohnzimmer ist voller Kleinkinder, insgesamt 35 Menschen sind derzeit hier untergebracht.

Die Schmuggler bringen sie mit Transportern, Autos, Taxis etappenweise an ihr Ziel, zwischendrin müssten sie immer wieder zu Fuß gehen, um Straßensperren der Polizei zu umgehen, erzählt einer der Schmuggler, selbst Afghane.

Zwischen 1000 und 2000 Dollar verlangen sie vom Iran bis in die Türkei. "Die iranischen Polizisten bekommen Geld von uns, damit sie die Leute über die Grenze Richtung Türkei lassen", erklärt der Schmuggler das System. "Bei den türkischen Polizisten nehmen nur manche Geld, die anderen schicken die Leute wieder zurück in den Iran. Und wir schicken sie dann erneut in die Türkei, irgendwann klappt es schon."

Der Fluchtweg bleibt riskant

Immer wieder aber auch nicht, regelmäßig kommt es zu tödlichen Unfällen mit überfüllten Transportern oder beim Überqueren der Berge. Mehmet Karatas ist Anwalt beim türkischen Menschenrechtsverein IHD. Er leitet das Büro in Van und beobachtet die Lage der Afghanen genau. Um die 1000 am Tag kämen derzeit in der Türkei an schätzt seine Organisation.

"Im Falle der Afghanen sehen alle weg", sagt Karatas. "Die EU tut so, als gingen sie die Afghanen nichts an, und die Türkei auch. Ja, Ankara verletzt seine Pflichten, aber ist damit eben nicht allein."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Juli 2021 um 22:15 Uhr.