Flüchtlingslager Kelahmet | Sendungsbild

Syrische Flüchtlinge Bleibehilfe von der EU

Stand: 22.02.2021 15:32 Uhr

Viele syrische Flüchtlinge in der Türkei leben in ärmlichen Verhältnissen. EU-Projekte sollen helfen - EU-Projekte sollen helfen - auch dabei, dass sie nicht weiterziehen. Die Gelder sollen aber noch mehr bewirken.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Ahmed und Saddam aus Nordsyrien spritzen Pflanzschutzmittel auf Bohnenplantagen in der türkischen Provinz Mersin. Rund acht Euro verdienen sie am Tag - ein Hungerlohn. Eine Rückkehr in die syrische Heimat aber ist für Saddam keine Option. Und so stellt sich für ihn und für viele andere der mehr als drei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge die Frage: In der Türkei bleiben oder weiterziehen?

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Es ist ja nicht nur der karge Lohn, den Ahmed und Saddam verdienen. Die beiden leben mit mehreren Hundert weiteren syrischen Flüchtlingen in Zelten am Rande des Dorfes Kelahmet. Das Wasser der Siedlung kommt aus einem Brunnen. Eine Kanalisation gibt es nicht. Die Syrer teilen sich eine dünne Stromleitung, damit nachts unter der Plastikplane eine Glühbirne brennt und die Familien nicht im Dunkeln sitzen. In einzelnen Zelten läuft dann auch ein kleiner Fernseher.

Ahmed füllt einen kleinen Ofen in seinem Zelt mit Brennholz. Vor wenigen Wochen ist er zum dritten Mal Vater geworden. In einem Zelt, sagt er, habe er vorher noch nie gelebt, im Krieg habe er alles verloren. Er träumt von einer festen Unterkunft für seine Frau, die drei Kinder und sich.

Hoffen auf die EU

Die Menschen hier hoffen auf mehr Hilfe der Europäischen Union. EU-Botschafter Nikolaus Meyer-Landrut ist nach Kelahmet gekommen, um sich die Sorgen und Wünsche der Bewohner anzuhören. Wie Ahmed fragen viele nach besseren Unterkünften. Häuser und eine Infrastruktur zu errichten, sei aber nicht Aufgabe der EU, sagt der Botschafter der ARD, sondern des türkischen Staates.

Die EU habe hier beispielsweise Impfungen gegen Kinderkrankheiten finanziert und auch Ausbildungsprogramme. "Die syrische Flüchtlingsbevölkerung hier ist zum Teil sehr jung. Es fängt an mit Schulausbildung, aber muss dann mit Berufsausbildung weitergehen", sagt der Botschafter.

Die EU will in der Türkei zunehmend nachhaltige Projekte wie zum Beispiel eine Kläranlage in Gaziantep, Bildungseinrichtungen und Krankenhäuser finanzieren, von denen sowohl Flüchtlinge, aber auch die türkische Bevölkerung profitieren.

Eine Fabrik als Vorbild

Mehr als zwölf Prozent der Bewohner der Mittelmeerprovinz Mersin sind syrische Flüchtlinge. Meyer-Landrut besucht am Rande der Stadt Tarsus eine sogenannte Modellfabrik: ein vor wenigen Tagen eröffnetes modernes Gebäude mit einer weitläufigen Halle, in der hochmoderne Geräte und Maschinen, ja sogar Roboterarme stehen. Auf blauen Aufklebern steht in weißer Schrift: "Finanziert von der Europäischen Union." Eine Million Euro habe die Modellfabrik samt Interieur gekostet, sagt ein Vertreter der EU-Delegation in Ankara.

Mehrere Dutzend Honoratioren der regionalen Wirtschaft, allesamt Türken, begleiten den Botschafter durch die Hallen. Man kann Meyer-Landrut am Gesicht ablesen, dass er sich fragt, wie all das hier syrischen Flüchtlingen helfen soll, in der Türkei Fuß zu fassen.

Das Management der Fabrik hat drei Syrer eingeladen, die in Mersin kleine Unternehmen gegründet haben. Der Botschafter stellt ihnen viele Fragen. Der 2012 in die Türkei geflohene Mohammed Debbeh erzählt, er lasse Produkte vergolden und verkaufe diese über Internetportale. Er beschäftigt drei Mitarbeiter und sein Unternehmen laufe derzeit ganz gut. Die Maschinen der Modelfabrik wolle er für Sonderfertigungen nutzen, so Debbeh. Meyer-Landrut wirkt schon zufriedener.

Hilfe auch für Einheimische

Ein paar Kilometer weiter, in der Hafenstadt Mersin, unterstützt die EU eine Frauenkooperative. Syrerinnen lernen gemeinsam mit Türkinnen kochen und verkaufen die Gerichte auf Bestellung. Bis das Unternehmen genügend Gewinn abwirft, bezahlt die EU einen Teil der Gehälter der geflüchteten Frauen und der Türkinnen.

Sechs Milliarden Euro stellt die EU der Türkei für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung - und dass das Geld auch in Projekte fließt, in denen Türkinnen und Türken beschäftigt sind, sei gewollt, betont der Botschafter. Die wirtschaftliche Lage der Türkei sei aufgrund der Corona-Pandemie angespannt. Viele Menschen im Land sähen deshalb die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge kritisch und fragten, was sie davon hätten.

Dass die meisten Flüchtlinge im Land bleiben, damit rechnet man inzwischen in Ankara und in den meisten Hauptstädte der EU, auch wenn die Mehrheit der türkischen Bevölkerung sich wünscht, dass die Geflüchteten nach dem Ende des Bürgerkriegs zurück in ihr Heimatland gehen. Für umso wichtiger hält es Meyer-Landrut, die Akzeptanz für die Flüchtlingshilfe zu fördern: "Wenn man hier nicht  versucht, beiden zu helfen, dann wird es sehr schwierig, auch für weitere Akzeptanz in dem Land zu werben."

Abkommen unter Beobachtung

Doch auch in der EU wurde das Abkommen mit der Türkei zur Unterstützung der syrischen Flüchtlinge immer wieder in Frage gestellt. Es gab Zweifel, ob das Geld an der richtigen Stelle landet. Präsident Recep Tayyip Erdogan hingegen behauptete immer mal wieder, die EU bezahle zu wenig für die Flüchtlinge. Solche Töne sind seltener geworden. Auch die Zahl derer, die versuchen in die EU zu kommen, hat abgenommen.

Die Situation vieler Syrer in der Türkei ist zwar schwierig. Aber die Hilfe aus Europa lindert die Not. Botschafter Meyer-Landrut will in den kommenden Monaten weiterhin von der EU finanzierte Projekte besuchen - auch um deutlich zu machen, der Einsatz der Gelder sei effizient und habe positive Folgen für alle Betroffenen.

Ahmed und Saddam haben die Frage nach der Zukunft für sich beantwortet. Sie wollen bleiben - nicht zuletzt, weil die Weiterreise in die Europäische Union oder nach Deutschland zu gefährlich sei.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie heute auch in den tagesthemen - um 22.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Februar 2021 um 22:30 Uhr.