Kriminalpolizisten am Ort der Explosion in Istanbul am 13. November 2022. | AFP

Anschlag von Istanbul Details, die Fragen aufwerfen

Stand: 24.11.2022 03:25 Uhr

Für die türkische Regierung steht fest: Hinter dem Anschlag von Istanbul Mitte November steckte die PKK. Während nun die türkische Armee Angriffe auf kurdische Stellungen in Syrien und dem Irak fliegt, werden in der Türkei Fragen laut.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Als Mitte des Monats eine Bombe auf der Istiklal-Einkaufsstraße in Istanbul sechs Menschen tötet, legt sich Innenminister Süleyman Soylu schnell fest. Die als Terrororganisation eingestufte kurdische Arbeiterpartei PKK stecke hinter dem Anschlag, so der Minister. Zu dieser Interpretation gibt es inzwischen viele Fragen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Doch zunächst zieht die Gewalt innerhalb weniger Tage weitere Gewalt nach sich. Zwar dementiert die PKK, für die tödliche Explosion und den Mord an Zivilisten verantwortlich zu sein. Doch die türkische Armee übt Vergeltung, startet eine Woche später die Militäroperation "Klauenschwert". Ibrahim Kalin, Sprecher des türkischen Präsidenten Erdogan, schreibt auf Twitter, die Zeit für die Abrechnung sei gekommen.

Die türkische Luftwaffe bombardiert Stellungen der Kurdenmiliz YPG, dem syrischen Arm der PKK. Mehr als 30 Menschen werden getötet.

Die YPG kündigt Rache an. Aus der von der Kurdenmiliz kontrollierten Region Manbidsch abgefeuerte Granaten töten in der türkischen Grenzstadt Karkamis ein Kind, eine Lehrerin und einen Mann. Präsident Recep Tayyip Erdogan deutet Anfang der Woche den zeitnahen Beginn einer Bodenoffensive an.

Fragen zur Identität

Doch zugleich kommen widersprüchliche Fakten ans Licht, die bezüglich des Attentats mehr Fragen als Antworten mit sich bringen. Die regierungsnahe Tageszeitung "Sabah" zitiert aus dem Verhör mit der aus Syrien stammenden Frau, die die Tasche mit der Bombe auf der Istiklalstraße platziert hat.

Ahlam Albashir ist keine Kurdin, was eher gegen eine Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK spricht. Arabische Medien spekulieren, sie könnte somalischer Herkunft sein oder aus dem Sudan stammen.

Im Verhör soll sie gestanden haben, dass sie von der Kurdenmiliz ausgebildet und unter Gewaltandrohungen gegen ihre Geschwister genötigt wurde, eine Tasche in der Fußgängerzone abzustellen. Gleichzeitig habe sie aber nicht gewusst, was der Inhalt ist.

Im Übrigen sei ihr Bruder ein Kämpfer der mit dem türkischen Militär verbündeten Miliz "Freie Syrische Armee", kurz FSA. Dieser habe im Gefecht zwei Beine verloren.

Eine Simkarte wirft Fragen auf

Albashir soll mit einer Simkarte telefoniert haben, die auf den Namen eines Ortsvorsitzenden der rechtsextremen Partei MHP in der südöstlichen Provinz Sirnak zugelassen war. Die MHP steht mit der Erdogans Partei AKP im Bündnis.

Der Ortsvorsitzende begründet den merkwürdigen Umstand damit, dass sein Ausweis kopiert worden sei und man sich so die auf seinen Namen ausgestellte Simkarte erschlichen habe. Der Gouverneur der Provinz Sirnak bestätigte dies.

Albashir soll vor vier Monaten aus der nordsyrischen Provinz Afrin in die Türkei eingereist sein, so die Ermittler. Das Nachrichtenportal "T24" will jedoch von den Nachbarn der Beschuldigten erfahren haben, dass sie bereits seit einem Jahr in Istanbul lebt. 

Zahlreiche Festnahmen

Im Zuge der Ermittlungen wurden knapp 50 Personen festgenommen. So auch der syrische Araber Ahmad Haj Hasan, bei dem Ahlam Albashir vorübergehend in Istanbul gewohnt haben soll. Auch er habe laut türkischen Medien ausgesagt, dass er noch nie etwas mit der PKK zu tun hatte, jedoch sein Bruder als Kämpfer für die FSA gefallen sein. 

Festgenommen wurde auch ein syrischer Araber namens Ammar Jarkas. Ihn halten die Ermittler für den Kopf hinter der Tat in Istanbul. Die Zeitung "Hürriyet" zitiert aus dem Verhör mit Jarkas, dieser sei vor einem Jahr aus der von der Kurdenmiliz YPG kontrollierten nordsyrischen Stadt Kobane in die Türkei gekommen.

Sein Bruder hingegen erzählte einem türkischen Nachrichtenportal, Jarkas sei bereits seit acht oder neun Jahren in Istanbul und habe im Jahr 2020 ein Unternehmen zur Vermietung von Leihwagen gegründet. Im Internet wurden Fotos aus dessen Social-Media-Accounts veröffentlicht, die ihn als Mitglied der FSA zeigen. Es soll aber auch Hinweise geben, dass er das syrische Regime unterstützt.

Die einzigen beiden Kurden, gegen die die Polizei ermittelt, sind ein Ehepaar, bei dem Albashir nach dem Bombenanschlag übernachten wollte. 

Pro-kurdische Partei erhebt Vorwürfe

Pervin Buldan, Co-Vorsitzende der pro-kurdischen HDP, stellt fest, die Explosion kurz vor den Angriffen der türkischen Luftwaffe auf Stellungen der Kurdenmiliz YPG sei kein Zufall. Es gebe viele Fragezeichen, die aufgeklärt werden müssten.

Da die AKP-MHP-Allianz befürchte, bei den im kommenden Jahr anstehenden Wahlen Verluste hinnehmen zu müssen und ihr politisches Überleben sichern wolle, habe deren Wahlkampf mit Kriegspolitik begonnen, so Buldan. AKP und MHP werfen der HDP vor, mit der PKK unter einer Decke zu stecken.

Zweifel bleiben

Die ans Licht gekommenen Details erlauben nicht, grundsätzlich in Frage zu stellen, dass die PKK den Anschlag verübt hat. Doch die schnelle Schlussfolgerung, es sei zweifellos die als Terrororganisation eingestufte Kurdenmiliz gewesen, wollen zahlreiche türkische Stimmen in den sozialen Medien ohne weitere Beweise nicht akzeptieren.

Da 90 Prozent der türkischen Massenmedien regierungsnah sind, wird dort das Urteil der AKP-MHP-Spitze jedoch nicht in Zweifel gezogen. Eine Militäroffensive in Nordsyrien mit dem Argument der Selbstverteidigung wäre aber nur gerechtfertigt, wenn zweifelsfrei feststeht, dass die Terrororganisation PKK Urheber des Anschlags ist. Fähig dazu wäre sie allemal.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 14. November 2022 um 15:45 Uhr.