Recep Tayyip Erdogan | AFP

Klimawandel Türkei setzt auf Atomenergie

Stand: 16.11.2021 10:42 Uhr

In der Türkei wird das erste Atomkraftwerk des Landes gebaut. Präsident Erdogan begründet das mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit und einer Menge Patriotismus. Kritiker halten das AKW für sinnlos - und den Standort für gefährlich.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Noch gibt es keine Atomkraftwerke in der Türkei, aber schon lange wird am ersten gebaut - nach jahrzehntelanger Planung. Einen Grund auf Atomkraft zu verzichten, sieht Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht: "Wenn in 32 Ländern der Welt noch 443 Atomkraftwerke in Betrieb sind, ist es Fahrlässigkeit, zu sagen, dass die Türkei keine Atomenergie besitzt - wenn es nicht Verrat ist."

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Doch es gibt Kritik am ersten Atomkraftwerk in Akkuyu im Süden des Landes östlich von Antalya - ungefähr auf halber Strecke nach Adana. Auch wenn die Gegend rund um den Standort zu den ruhigeren Zonen zählt: Die Türkei sei insgesamt zu erdbebengefährdet, sagen Kritiker.

Außerdem sei das Kraftwerk Akkuyu eigentlich überflüssig, meint Pinar Demircan, Aktivistin der Anti-Atom-Organisation "nucleersiz" (zu deutsch "nuklearfrei"). "Wenn wir auf die Energie-Anforderungen der Türkei blicken, wird klar: Das ist gar nicht nötig", sagt sie.

"Niemand kann sich der Atomenergie widersetzen"

Für den Präsidenten geht es dagegen um mehr als eine Energieform. Es sei ein Verlust für die Türkei, nicht schon lange dazuzugehören. "Niemand, der ein Jota an Sensibilität für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Türkei und das Wohl der türkischen Nation hat, kann sich der Atomenergie widersetzen", so Erdogan.

Dabei sei gerade das Atomkraftwerk Akkuyu nicht wirtschaftlich, sagen die Atomkraftgegner rund um Demircan. Denn gebaut werde es von Russland für schätzungsweise rund 20 Milliarden Euro. Dieses Geld müsse am Ende wieder reinkommen - und da werde es teuer: "Der Preis, zu dem die Türkei den Strom dann von Russland kauft, liegt bei fast elf Euro-Cent pro Kilowattstunde. Das ist vier mal so viel, wie wir im Moment bezahlen", sagt Demircan.

Dazu komme, dass Atomkraft alles andere als umweltfreundlich sei - auch wenn Erdogan sagt, dass Atomenergie helfe, weniger Treibhausgase auszustoßen. Demircan beruft sich auf Deutschland, das ja sogar früher aus der Atomenergie aussteigt als aus der Kohle.

Erdogan mit Ansage an Atomkraftgegner

Anders die Türkei. Sie wolle erst richtig rein ins Nuklearzeitalter, kündigte Erdogan kürzlich an: "Nach Akkuyu werden wir schnell mit den Vorbereitungen für unser zweites und sogar drittes Atomkraftwerk beginnen. Obwohl diejenigen, die im Namen des Umweltschutzes die Straßen niederbrennen, dies sowie jeden unserer Schritte kritisieren, sind wir entschlossen, die Kernenergie in unser Land zu bringen."

Das ist auch eine klare Ansage an die Atomkraftgegner rund um Demircan. Sie hätten es ohnehin nicht leicht, sagt sie. Nicht, weil die Regierung Druck auf sie mache, sondern weil die meisten Menschen im Land so auf die Regierung eingeschworen seien, dass man ihre Anti-Atom-Bewegung kaum wahrnehme.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 16. November 2021 um 10:41 Uhr.