Mevlut Cavusoglu mit Kandia Camara | picture alliance / AA

Afrika-Gipfel in Ankara Religion als Kitt, Aufschwung als Ziel

Stand: 16.12.2021 12:13 Uhr

Die Türkei hat afrikanische Staats- und Regierungschefs zum mehrtägigen Gipfel geladen. Präsident Erdogan erhofft sich dadurch einen Handelsaufschwung - und kann gleich in mehrfacher Hinsicht bei den Gästen punkten.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Der türkische Präsident Recep Erdogan hat mit Afrika große Pläne: Das Handelsvolumen mit der Türkei mit dem afrikanischen Kontinent lag im Vorjahr bei rund 25 Milliarden US-Dollar. Bereits 2025 soll es bei 50 Milliarden liegen, verkündete Erdogan nach seinem letzten Besuch im Oktober in den Ländern Angola, Nigeria und Togo.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Mehr internationaler Handel mit wem auch immer - das ist in diesen Tagen eine Botschaft, die Erdogan gerne nutzen wird, um von der wirtschaftlichen Lage der Türkei abzulenken. Der Frust seiner Landsleute aufgrund einer rasant steigenden Inflation und eines rapiden Währungsverfalls nimmt in den vergangenen Wochen deutlich zu.

Vom nun gestarteten dreitägigen Türkei-Afrika-Gipfel in Istanbul soll das Signal ausgehen: Die Regierung ist erfolgreich beim Aufbau internationaler Wirtschaftskontakte. Erdogan habe auf der Suche nach neuen Märkten Glück - denn für den Gipfel in Istanbul komme ein riesiger Markt mit enormen Potential zu ihm, schreibt die türkische Journalistin Isin Elicin für ein von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung finanziertes Magazin.

 

Zugriff auf Gülen-Netzwerk

Und tatsächlich konnte Ankara in den vergangenen Jahren sein Netzwerk in Afrika deutlich erweitern. Seit 2003 hat der türkische Regierungschef 30 afrikanische Länder besucht - so viele wie kein anderer Amtskollege. 2008 erklärte die afrikanische Union die Türkei zum strategischen Partner. Seit 2009 ist die Zahl türkischer Botschaften auf dem Kontinent von 12 auf 43 gestiegen. Die zum größten Teil in staatlichem Besitz liegende Fluggesellschaft Turkish Airlines fliegt 61 Ziele in 39 afrikanischen Ländern an. So wurde der Flughafen Istanbul zu einer der wichtigsten internationalen Drehscheiben für Flüge von und nach Afrika. 

Das sind bisher vor allem Investitionen, die sich jedoch Schritt für Schritt auszahlen. Türkische Unternehmen bauen die Nationalmoschee in Ghana, den internationalen Flughafen in Niger, große Sportanlagen in Senegal und Ruanda und ein Schienennetz in Tansania.

Erdogans Einfluss auf dem Kontinent führte auch dazu, dass die regierungsnahe türkische Maarif-Stiftung mit Unterstützung der jeweiligen Regierungen zahlreiche Schulen übernehmen konnte, die bis 206 dort das sektenähnliche Gülen-Netzwerk unterhielt. Ankara beschuldigt Gülen, den Putschversuch im Juli 2016 orchestriert zu haben und brachte die Behörden auch im Ausland zum Durchgreifen: Leiter und Lehrer an den Gülen-Schulen wurden durch regierungstreue verdrängt oder sogar festgenommen.

Militär und Öl in Somalia

Erdogan hält Afrika aber auch geostrategisch für relevant. In Somalia hat das türkische Militär sein größtes Lager außerhalb der Heimat. Dort bilden türkische Soldaten Somalier aus. Die islamistische Terrorgruppe Al-Shabaab nimmt deshalb Türken immer wieder ins Visier. Bei Anschlägen in Somalia gab es mehrmals tote und verletzte türkische Staatsbürger.

Ein hohes politisches Risiko für Erdogan. Doch Anfang vergangen Jahres erklärte der türkische Regierungschef, Mogadischu habe die Türkei eingeladen, in somalischen Gewässer nach Öl zu suchen. An Äthiopien hat Ankara türkische Kampfdrohnen verkauft und das militärische Engagement in Libyen könnte eines Tages den Zugriff auf libysches Öl und Gas ermöglichen. 

Islam als Gemeinsamkeit

Die Türkei konkurriert in Afrika unter anderem mit China und Frankreich. Im Vorteil sei die Türkei vor allem in Ländern mit einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil, sagt der Afrikaexperte Mesut Hamani Massoud des Thinktanks "Institut für strategisches Denken" in Ankara: Die gemeinsame Religion sei ein Vorteil beim Einfädeln von Kooperationen.

Erdogan bemüht sich bei Treffen mit afrikanischen Regierungschefs stets, diesen das Gefühl zu vermitteln, man spreche auf Augenhöhe. In innere Angelegenheiten mischt er sich nicht ein und die von Europäern gern gehaltenen Vorträge über Demokratie und gegen Korruption spart er sich ebenso. Das kommt an - denn viele Afrikaner nähmen hingegen Frankreich als Kolonialmacht wahr und China als Riese, der nur eigene Interessen im Blick habe, so Massoud. 

Ob sich das Afrika-Engagement und der Gipfel innenpolitisch für Erdogan auszahlen, ist fraglich. Am Samstag will er eine Rede halten. Ob seine Worte große Aufmerksamkeit bei der türkischen Bevölkerung auf sich ziehen, sei nicht sicher, schreibt Isin Elicin: Denn die meisten seien damit beschäftigt das bisschen Geld zu zählen, das ihnen zu Verfügung steht, um auszurechnen, was sie damit kaufen können. 

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KOMMENTARE

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Sisyphos3 16.12.2021 • 21:05 Uhr

18:17 Uhr von Roberto16

im Artikel steht was von >>Religion als Kitt<< und was von Gemeinsamkeiten wie dem Islam Der Westen hat eben "Demokratie" auf seiner Hitliste so hat eben jeder der in Afrika unterwegs ist seine Prioritäten