Die beiden buddhistischen Mönche Paiwan Warawanno und Sompong Talaputt beim Livestream vor den Handy-Kameras. | REUTERS

Buddhismus in Thailand Mönche, die streamen? "Staatsgefährdend"

Stand: 15.11.2021 18:52 Uhr

In launigen Livestreams diskutieren zwei Mönche die Lehre Buddhas und erreichen so ein Millionenpublikum. Thailands Konservative finden das unangemessen. Sie machen mit staatlichen Institutionen Druck auf die Mönche.

Von Christoph Schwanitz, ARD-Studio Singapur

Sie machen Witze, sprechen Slang, kichern viel - und diskutieren die Lehre Buddhas: Die beiden buddhistischen Mönche Paiwan Warawanno und Sompong Talaputt sind jeden Freitag auf Facebook Live und plaudern vor Millionen Menschen. Sie wollen so vor allem jungen Leuten den Buddhismus zugänglich machen, befreit von unverständlichen Ritualen und veralteten Regeln.

Als sich bei ihrem ersten Livestream Anfang September 200.000 Menschen zuschalteten, wurden die Mönche über Nacht zu Social-Media-Stars. Nach ein paar Wochen hatten sie 2,5 Millionen Follower. Gerade zu Lockdown-Zeiten freuten sich viele Thailänder über die ungewöhnlichen Mönche.

Konservative finden das Format unwürdig

Doch sofort gab es harsche Kritik vom buddhistischen Establishment, das den Ton der Show für unangemessen hielt: Mönche, so die Vorhaltungen, sollten ehrwürdige Vorbilder sein und so wirken, als würden sie sich rein geistlichen Fragen widmen. Nach nur einer Woche wurden sie vor ein parlamentarisches Komitee geladen, um ihr Verhalten zu rechtfertigen und sich maßregeln zu lassen. Ihnen wurde vorgeschrieben, wieviel sie noch kichern dürften und wieviel Prozent ihrer Redezeit sie über die reine Lehre zu sprechen haben. "Lachen wurde staatsgefährdend", kommentierte Mönch Paiwan Warawanno.

Die Mönche sitzen vor den Handykameras - in Gamer-Sesseln, mit ulkig dekorierten Pflanzen vor sich. | REUTERS

Zwischen ulkig dekorierten Pflanzen halten die zwei Mönche freitags ihre Facebook Lives ab. Konservative finden ihr Auftreten unwürdig. Bild: REUTERS

Die Konservativen im Land meinen es ernst. Denn Thailands Staatsdoktrin basiert auf einer autokratischen Ideologie, die Nation, Religion und Monarchie untrennbar miteinander verknüpft. Der König - Staatsoberhaupt und traditionell wie ein Gott verehrt - gilt als Beschützer des Buddhismus und des Klerus, der wiederum weitreichende staatlich garantierte Vorrechte genießt. Religion, Regierung und Monarchie legitimieren sich so gegenseitig als untrennbare Elemente der thailändischen Nation.

Klerus unter Legitimationsdruck

Doch inzwischen sind alle Elemente dieser Dreier-Allianz beispiellosem Druck aus der Bevölkerung ausgesetzt. Anfang 2020 begannen Massenproteste, die sich zunächst gegen die Regierung unter dem per Putsch an die Macht gekommenen Premierminister Prayut Chan-ocha richteten. Mit der Zeit begannen die Demonstrierenden jedoch auch, eine Reform der Monarchie zu verlangen - eine Forderung, die vor der Thronbesteigung des relativ unbeliebten Königs Vajiralongkorn vor zwei Jahren noch undenkbar war.

Und auch der Klerus ist in der Kritik. Fast täglich machen Berichte von Tempel-Skandalen oder korrumpierten Mönchen Schlagzeilen. Hinzu kommt - vor allem von jungen Leuten - zunehmend Kritik an veralteten Strukturen, autoritärem Gehabe, unverständlichen Ritualen und Sanskrit-Gesängen. Ob berechtigt oder nicht, der offizielle buddhistische Orden mit seinen starren Hierarchien und rigiden Regeln sieht sich Legitimationsdruck ausgesetzt.

Buddhistischer Nationalismus erstarkt

Um ihre Position wieder zu stärken, versuchen führende Buddhisten zusammen mit politisch Konservativen zunehmend, buddhistisch-nationalistische Ideen als Grundlage kollektiver Identität in Thailand zu festigen - zum Nachteil religiöser und ethnischer Minderheiten im Land. Der Tenor: Wer es wagt, die offizielle buddhistische Lehre zu kritisieren, ist kein echter Thailänder, ist ein Verräter.

Fast 95 Prozent der Menschen in Thailand bekennen sich zum Buddhismus; vielen geht es lediglich um eine Reform von als veraltet betrachteten Strukturen. "Der Buddhismus selbst ist ja nicht veraltet, nur die Lehrmethoden sind es", erklärt Paiwan Warawanno, der so auch die Facebook Lives begründet. "Man kann mit der Lehre nicht einfach wie früher weitermachen, das ist zu beschränkt, damit erreichst du niemanden mehr. Dann wird unsere Religion sterben, und das will ich nicht."

Der Zuspruch aus der Bevölkerung ist riesig - doch der Druck nimmt nicht ab: Vor wenigen Tagen verkündete Paiwan Warawanno während seines Facebook-Livestreams, das Leben als Mönch aufgeben zu wollen. Er habe seinem Abt und seinem Tempel zu viele Schwierigkeiten bereitet.