Taliban-Kämpfer patrouillieren auf einem Markt in der Altstadt in Kabul. | picture alliance/dpa/AP

Besorgnis in Berlin Taliban-Tribunale für Ortskräfte?

Stand: 02.10.2021 16:35 Uhr

FDP-Fraktionsvize Lambsdorff ist besorgt über Berichte, nach denen die Taliban ehemalige Ortskräfte zu Schauprozessen vorladen. Der niederländische Fernsehsender NOS hatte über Drohungen gegen ehemalige Dolmetscher berichtet.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Dass ehemals für die internationale Gemeinschaft tätige Afghanen, sogenannte Ortskräfte, sich in Lebensgefahr wähnen, ist kein Geheimnis. Aber sollten sich die Berichte des niederländischen Fernsehsenders NOS erhärten, dann wird deren Lage immer dramatischer: In einem Brief der Taliban an einen ehemaligen Dolmetscher heißt es dem Sender zufolge wörtlich: "Wir werden uns rächen. Wenn es uns nicht gelingt, Sie zu fassen, werden wir das mit Ihren Angehörigen regeln."

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Dieses und andere Schreiben sind laut NOS mit dem offiziellen Stempel der Extremisten versehen. Die Familien von in Verstecken lebenden Ex-Mitarbeitern der internationalen Truppen erhalten den Berichten zufolge Vorladungen vor Gericht. Erschienen die nicht vor einem Tribunal, drohten den Angehörigen schwere Strafen, so die Recherchen von NOS.

"Nicht die vergessen, die Schutz verdienen"

Sollten die Berichte von geplanten Schauprozessen stimmen, brauche man einen Sondergipfel der EU, twitterte FDP-Fraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff. Man dürfe "auch in diesen innenpolitisch geprägten Zeiten nicht die vergessen, die Schutz verdienen".

Das Auswärtige Amt wollte die Berichte auf Nachfrage zunächst nicht kommentieren. Tausenden ehemals für die Deutschen beschäftigten Afghanen, unter anderem Übersetzern für die Bundeswehr und deren Familien, war es nicht gelungen, rechtzeitig vor der Machtübernahme der Taliban ihre Heimat zu verlassen. Sie befinden sich nach wie vor im Land.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. August 2021 um 15:00 Uhr.