Taliban-Kämpfer patrouillieren in der Provinzhauptstadt Ghazni nahe Kabul. | EPA

Reaktion auf Taliban in Afghanistan "Wir reden dann von einem Krieg"

Stand: 12.08.2021 16:27 Uhr

Die Taliban nehmen Afghanistans Hauptstadt Kabul ins Visier. Ein neuer Truppeneinsatz ist nicht in Sicht. Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sagte der ARD, ein Einsatz der Bundeswehr bedeute Krieg.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Der Siegeszug der Extremisten scheint kaum zu stoppen: Die Taliban nehmen die afghanische Hauptstadt Kabul von mehreren Seiten in den Würgegriff. Dass sich ihnen eine ausländische Armee, die Bundeswehr gar, in den Weg stellen wird, um sie aufzuhalten, ist kaum zu erwarten.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer betonte auf ARD-Nachfrage: "Es ist schwer zu akzeptieren, diese bitteren Bilder der Taliban in Kundus oder anderen Städten zu sehen. Aber jeder, der davon spricht, dass die Bundeswehr wieder nach Afghanistan geht, der wirklich die Taliban stoppen will, muss wissen: Wir reden dann nicht von einer Ausbildungsmission. Wir reden dann von einem langen, harten Kampfeinsatz, man kann auch sagen: Wir reden dann von einem Krieg."

Dafür, fügt die CDU-Politikerin an, könne sie von Seiten der Gesellschaft und der Politik derzeit keine Unterstützung erkennen.

Die Zeiten, in denen Deutschland militärisch Druck auf die Taliban ausüben konnte, sind seit dem Abzug der Bundeswehr vorbei. Vermutlich sind sie endgültig vorbei. Der deutsche Außenminister Heiko Maas versucht es daher nun mit den begrenzten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen - mit diplomatischem, mit finanziellem Druck - und packt all das in eine Art Drohung an die Adresse der Extremisten.

Maas: "Geben keinen Cent mehr"

Sollten die das Ziel haben, in Afghanistan ein Kalifat zu errichten, dann werde man das nicht mittragen: "Diese Land ist ohne internationale Hilfe nicht lebensfähig. Wir geben jedes Jahr 430 Millionen Euro", so Maas im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. "Wir werden keinen Cent mehr nach Afghanistan geben, wenn die Taliban das Land komplett übernommen haben, die Scharia einführen und das Land ein Kalifat wird."

Ob Maas mit seiner Vermutung, die Taliban wollten das Land nicht allein übernehmen, sondern lediglich Teil der Regierung - wenn auch der mächtigere Teil der Regierung - werden, richtig liegt, wird sich erweisen müssen.

Deutsche zur zügigen Ausreise aufgefordert

Jedenfalls überrennen die Extremisten derzeit so rasant das Land, dass die Bundesregierung ihre Bewertung der Sicherheitslage nun hat korrigieren müssen. Das heißt: Deutschland fordert jetzt aktuell seine Bürgerinnen und Bürger zur zügigen Ausreise aus Afghanistan auf. Und: Abschiebungen in das Krisenland werden ausgesetzt. Vorerst. Gleichzeitig rechnet man im Außenministerium mit einer steigenden Zahl an Afghanistan-Flüchtlingen, wie Staatsminister Niels Annen der Funke-Mediengruppe sagte.

Trotz vereinzelter Forderungen, die Bundeswehr müsste angesichts der Situation notfalls wieder ins Land hinein (worüber etwa der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, laut nachdachte), dreht sich derzeit eher alles um die Frage, wie man die ehemaligen Helfer der Bundeswehr aus dem Land herausbekommt.

"Der limitierende Faktor liegt im Moment darin, dass die afghanische Regierung darauf besteht, dass diejenigen, die ausreisen, einen afghanischen Reisepass haben", erklärte Kramp-Karrenbauer. Das Auswärtige Amt versuche gerade, die afghanische Regierung von dieser Praxis abzubringen.

Was die Ministerin nicht sagte: Zahlreiche die Rache der Taliban fürchtende Helfer der Bundeswehr haben ihren Pass bereits an die deutsche Seite abgegeben und seitdem nichts mehr gehört.

Tausende ehemalige Ortskräfte bedroht

Tausende Afghanen, die sich angesichts des Extremisten-Vormarsches akut bedroht sehen, sind noch im Land. Maas stellte in Aussicht, dass bis Ende des Monats doch Afghanen mit Chartermaschinen ausgeflogen werden könnten. "Die Frage lautet, wie die Leute ans Flugzeug kommen", betonte Kramp-Karrenbauer. Denn dafür bestehe die afghanische Regierung auf den Reisepässen.

Doch auch beim Thema Ortskräfte wird nun immer deutlicher: Dass die Taliban nach dem internationalen Truppenabzug vorrücken würden, war absehbar. Dass sie es mit so hoher Geschwindigkeit tun, davon wurden USA, NATO und Bundesregierung doch überrascht.

Die Linksfraktion im Bundestag rät angesichts der "Schreckensbilder vom Vormarsch der Taliban" dazu, den für Ende August geplanten Großen Zapfenstreich abzusagen, mit dem der Bundeswehr-Einsatz gewürdigt werden soll.