Delegation der Taliban in Doha | REUTERS
Reportage

Delegation in Katar Wie sich die Taliban in Doha präsentieren

Stand: 29.08.2021 04:58 Uhr

Wie rigide die Taliban regieren werden, darüber rätselt die Welt auch zwei Wochen nach dem Fall von Kabul. In Katar, wo sich eine Taliban-Delegation seit Monaten zu Verhandlungen aufhält, geben sie sich moderat. Eine Begegnung.

Von Ute Brucker, SWR, zurzeit Doha

Eine edle Hotellobby in Doha. Marmorboden, rote Plüschsofas, goldfarbene Loungestühle. Hier also geben die Taliban in der katarischen Hauptstadt ihre Interviews. Suhail Shaheen ist beim Hereinkommen schon von Weitem an seiner paschtunischen Tracht zu erkennen. Der Taliban-Pressesprecher trägt einen sorgfältig gewundenen Turban, seitlich hängt ein Teil des schwarzen Tuchs herab. Bevor wir das Interview beginnen, prüft sein Sohn, der ihn begleitet, ob der Turban auch gut sitzt. Das Erscheinungsbild ist wichtig.

Ute Brucker

Die Stimme ist ruhig, alle Fragen beantwortet er geduldig. Bei manchen Antworten fällt es mir aber schwer, mich zu beherrschen. Warum so viele Afghanen aus dem Land fliehen wollten? "Die meisten fliehen gar nicht aus Angst, sondern sind Wirtschaftsflüchtlinge, die in den Westen wollen. Ich kenne die afghanische Gesellschaft. Viele nutzen jetzt einfach nur die Gelegenheit und wollen Asyl, obwohl sie in Wahrheit gar nicht für die Amerikaner gearbeitet haben."

Dass Taliban von Haus zu Haus zögen, um nach Mitarbeitern internationaler Organisationen zu suchen, Menschen getötet worden seien - das seien "nur Anschuldigungen. Schicken Sie mir die Berichte über diese Vorfälle, dann werden wir sie untersuchen. Sollten sie zutreffen, stellen wir die Betreffenden vor Gericht und werden sie bestrafen."

Der Fall der abgesetzten Fernsehmoderatorin Shabnam Dwawran? "Da muss es sich um einen Ausnahmefall handeln, das ist eine persönliche Geschichte. Andere afghanische Medien haben weibliche Reporterinnen, die ganz normal arbeiten."

Entwicklungshilfe ja, aber ...

Könnte man auch als afghanische Journalistin in Kabul so mit ihm sprechen wie hier in Doha? In westlicher Kleidung und, auf Anraten von Kolleginnen, mit einem locker über die Haare geworfenen Tuch? "Selbstverständlich."

Ein wenig später widerspricht er sich dann selbst. Denn: Der Westen solle gerne weiter Entwicklungshilfe leisten, aber wenn Geld als Druckmittel eingesetzt werde, um den Afghanen bestimmte Dinge aufzuzwängen, dann sei das der falsche Weg. Der Hijab gehöre nun einmal zur afghanischen Kultur. Doch Hijab meint: strenge Bedeckung von Haaren und Hals - keine Strähne darf sichtbar sein. Immerhin: Das Tragen der Burka, die das ganze Gesicht verhüllt, machen die Taliban 2.0, wie manche sie jetzt nennen, offenbar nicht mehr zur Pflicht.

Ute Brucker bei einem Gespräch mit einem Taliban-Vertreter in Doha | SWR

Begegnung in Doha: Ute Brucker im Gespräch mit Taliban-Sprecher Shaheen. Bild: SWR

In der Kommunikation dazugelernt

Die Taliban haben dazugelernt, zumindest in der Außenkommunikation. Menschenrechte, Frauenrechte - "dagegen haben wir nichts". Mädchen dürften zur Schule gehen, Frauen natürlich auch arbeiten. Tatsächlich? Wenige Tage zuvor hatte ein anderer Taliban-Vertreter das deutlich stärker eingeschränkt: Frauen sollten nur in bestimmten Bereichen arbeiten: im Bildungswesen, in Gesundheitsberufen oder in der Verwaltung.

Das lässt Shaheen nicht gelten: Er sei schließlich der Vertreter und Sprecher der Taliban - zumindest hier in Doha. Sein Wort zähle also, nicht das von Anderen.

Eine Regierung mit allen Kräften?

Wie aber sieht seine Vorstellung eines künftigen Staats aus, der Regierung? "We want inclusive government" - Shaheen gibt seine Interviews auf Englisch. Eine Regierung also, in der "alle Afghanen" beteiligt sein sollen, die unterschiedlichen Volksgruppen, auch Mitglieder früherer Regierungen. In Kabul führen die Taliban Gespräche mit Politikern wie dem ehemaligen Präsidenten Hamid Karzai und dessen langjährigem Konkurrenten Abdullah Abdullah. Aber wieviel Macht wird eine solche Regierung haben? Oder hat am Ende nicht doch ein übergeordneter kleiner Kreis der religiösen Führer der Taliban das Sagen?

Auf diese Fragen antwortet der Sprecher ausweichend. "Das wird später entschieden." Streben die Taliban für Afghanistan ein ähnliches System an wie im Iran? "Darüber wird noch beraten."

Die Ängste der Frauen

Einen Tag später - eine Begegnung mit einer Frau, die aus Afghanistan geflohen ist. Sie ist nervös, ihre wahre Identität soll unter keinen Umständen verraten werden, zu gefährlich wäre das für die Familie zuhause. Sie ist bekannt, eine kluge, warmherzige Frau. Wie wir sie nennen dürfen? "Sagen Sie einfach: eine afghanische Frau."

Den Aussagen von Sprecher Shaheen glaubt sie kein Wort. Alles sei nur Rhetorik, um der internationalen Gemeinschaft etwas vorzugaukeln. Die "inklusive Regierung" werde eine reine Show für den Westen sein. "Am Ende werden sie ein paar Marionetten dorthin setzen, die den Mund nicht aufmachen. Die Taliban halten nichts von Demokratie, sie sind gegen Wahlen. Und was heißt es schon, eine Regierung zu haben, wenn das Volk nicht wählen kann?"

Frauen lebten in Angst, vielerorts. Einer Hebamme, die in einer privaten Klinik arbeitete, hätten die Taliban den Zutritt verboten. Begründung: Sie sei nicht in Begleitung ihres männlichen Aufpassers. Jeden Tag bekomme sie solche Geschichten zugeschickt, aus glaubhaften Quellen, versichert die Gesprächspartnerin. Die Zukunft sieht sie düster, die Taliban würden wohl lange Zeit im Land bleiben. "Wenn nicht unsere junge Generation dagegen aufsteht. Ich hoffe, dass sie das irgendwann tut."

Auch ein selbstverschuldetes Desaster

Wer die Schuld trage an diesem Desaster? Ja, neben den Amerikanern, die nun das Land den Taliban überlassen hätten, seien es natürlich auch die Afghanen selbst. "Wir hatten keine guten Führer." Das große Thema: korrupte Politiker, denen die Menschen nicht vertraut hätten. Gerade auch in der letzten Regierung unter Ashraf Ghani. In diesem Punkt stimmen beide überein, die "afghanische Frau" und der Sprecher der Taliban.

Sie seien selbst "überrascht" gewesen, wie schnell sie Kabul eingenommen hätten, sagt Suhail Shaheen noch. Aber sie hätten es leicht gehabt, die Macht im Land an sich zu ziehen. Der Sieg sei nur zur Hälfte ein militärischer gewesen. Mindestens genauso wichtig seien die Verhandlungen mit den Provinzfürsten gewesen.

"Die Leute waren frustriert und bereit, uns die Macht zu übertragen", sagt er. "Wir haben die Situation ausgenutzt."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. August 2021 um 22:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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John Koenig 29.08.2021 • 15:58 Uhr

@Anderes1961

" Es gibt auch bei uns Menschen, für die Frauenrechte, freie Sexualität, Clubs und Nachtleben "Sodom und Gomorrha" sind. Teile davon sind sogar im Bundestag vertreten. " Ja, aber von diesen Menschen hat sich bisher noch keiner in selbstmörderischer Absicht in die Luft gesprengt . Es gab von diesen Menschen auch noch keine Ehrenmorde oder Steinigungen oder Ähnliches . Von daher hinkt Ihr Vergleich - wie so oft - gewaltig . Außerdem würde mich die Passage im Wahlprogramm der AFD - die Sie ja sicherlich meinten - interessieren die Frauenrechte, freie Sexualität, Clubs und Nachtleben kritisieren bzw. verbieten will .