Ein Mann hisst in Kandahar (Afghanistan) die Flagge der Taliban | EPA
Hintergrund

Radikale Islamisten Was Taliban, IS und Al-Kaida trennt

Stand: 20.08.2021 04:32 Uhr

Der Sieg der Taliban in Afghanistan lenkt den Blick auf andere radikalislamische Gruppen wie Al-Kaida und den "Islamischen Staat". Gibt es gemeinsame Wurzeln, was verbindet - und was trennt sie?

Von Reinhard Baumgarten, SWR

Taliban, Al-Kaida und den "Islamischen Staat" verbindet ein Element - die fundamentale Zurückweisung westlicher Werte. Sie lehnen entschieden eine demokratische Ordnung ab, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind und nach weltlich-säkularen Regeln per Wahl die Zusammensetzung eines Parlaments bestimmen.

Reinhard Baumgarten

Grundlage politischen Handelns, gesellschaftlichen Lebens und wirtschaftlichen Wirkens muss ihrem Verständnis nach einzig und allein die Scharia sein - das sogenannte Islamische Recht. Wichtigste Quellen der Scharia sind der Koran sowie die Sammlung überlieferter Sprüche des Propheten Mohammed.

Die Deutung dieser Quellen durch Rechtsgelehrte und Ideologen dieser Terrorgruppierungen ist geprägt von der Auffassung, islamische Gesellschaften seien Opfer westlicher Ränke und Unterdrückung. Der Kampf gegen westlichen Einfluss in islamischen Ländern gilt den religiös verbrämten Extremisten als religiöse Pflicht.

Unterschiedliche Kampfzonen

Deutliche Unterschiede zwischen den drei Terrororganisationen gibt es bei der Zusammensetzung sowie den Kampfzonen.   

Die Taliban beschränken sich auf Afghanistan und grenznahe Gebiete in Pakistan. Erstmals in Erscheinung traten sie bereits 1984. Ihren Ursprung hat die Bewegung in Madrasa genannten Koranschulen in der südafghanischen Provinz Kandahar. Die Schulen der Taliban sind Teil der so genannten Deobandi-Bewegung, die eine streng orthodoxe, antiwestliche Lehre vertritt.  

1994 machen die Taliban erstmals als bewaffnete Miliz von sich reden. Finanziert aus saudischen Quellen, unterstützt von der amerikanischen CIA und ausgerüstet mit von Pakistan gelieferten Panzern, Fahrzeugen und schweren Waffen beginnen sie einen beispiellosen Siegeszug. Zahlreiche um die Macht im Lande konkurrierende Milizen der unterschiedlichen Ethnien Afghanistans werden besiegt oder schließen sich ihnen kampflos an. Am 26. September 1996 nehmen die Taliban Kabul ein und rufen ein islamisches Staatswesen auf Grundlage der Scharia aus.

Als die USA noch wenig besorgt waren

Zu diesem Zeitpunkt blickt Washington weniger besorgt denn wohlwollend auf das Treiben der Taliban. Denn eine mögliche Befriedung des Landes durch eine siegreiche Kriegspartei stellt amerikanischen Ölfirmen in Aussicht, Pipelines aus Mittelasien durch Afghanistan nach Pakistan an den Indischen Ozean zu bauen und reichlich Profit zu machen. Zum Bruch mit Washington kommt es Ende der 1990er-Jahre, weil sich die Talibanführung hartnäckig weigert, Osama Bin Laden an die USA auszuliefern.  

Bin Laden wird damals von Washington beschuldigt, als Chef der Terrororganisation Al-Kaida für folgenschwere Anschläge gegen US-Ziele verantwortlich zu sein.  

Brennende Gebäude nach dem Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi im August 1998 | picture-alliance / dpa

Im August 1998 griffen Al-Kaida-Terroristen mit einer Autobombe die US-Botschaft in Nairobi an. 213 Menschen starben, 4500 wurden verletzt. Zeitgleich explodierte eine Autobombe vor der US-Botschaft in Daressalam - elf Menschen wurden getötet. Bild: picture-alliance / dpa

Al-Kaida - Terror ohne Verwurzelung

Bin Laden, der aus einer reichen saudischen Familie stammt und schon den Kampf islamistischer Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans unterstützt hatte, gründet das Terrornetzwerk Al-Kaida (die Basis) gemeinsam mit Gesinnungsgenossen 1988 im pakistanischen Peshawar.

Anders als die mehrheitlich von Paschtunen getragene Taliban-Bewegung verfügt Al-Kaida über keine Verankerung in der Bevölkerung eines Landes. Al-Kaida ist zu Beginn eine Ansammlung aus gebildeten Kadern und arabischen Söldnern, die in den 1980er-Jahren in Afghanistan gegen die Sowjetarmee gekämpft haben.

Terrorgruppe wird zum Netzwerk

Ihr Kampf gilt - eigenem Bekunden zufolge - den Feinden Gottes, zu denen nach Moskaus Rückzug vom Hindukusch sowohl die USA als auch mit Washington verbündete arabische Führungen und Israel gehören. Al-Kaida entwickelt sich zu einem international agierenden Netzwerk, das in arabischen, westafrikanischen und südostasiatischen Ländern Anhänger findet und Ableger gründet.

Die ideologische Grundlage bilden im Wesentlichen die Schriften des 1966 in Ägypten hingerichteten Islamisten Sayyid Qutb. Für Qutb ist jede säkulare Regierungsform eine gotteslästerliche Anmaßung. Al-Kaida-Terroristen verüben weltweit Anschläge mit Zehntausenden Toten, um im Sinne von Qutb eine Revolution zur Verwirklichung der Gottesherrschaft auf Erden ins Werk zu setzen.   

Ein Ableger sorgt für Schrecken

Gleiches strebt auch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) an. Sie ist aus einem Ableger von Al-Kaida im Irak hervorgegangen. Der IS ist die mit Abstand brutalste Terrororganisation dieser Tage. Auf ihr Konto gehen Massenmorde, Versklavungen, öffentliche Enthauptungen, Verbrennungen und Hinrichtungen.

Die Anhänger des IS sind mehrheitlich sunnitische Muslime. Von 2014 an gelingt es dem IS im Irak und in Nordsyrien, große Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen und ein so genanntes Kalifat zu errichten, in dem im Namen der Scharia eine beispiellose Schreckensherrschaft errichtet wird.

Noch stärker als zuvor schon das Terrornetzwerk Al-Kaida zieht die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates Anhänger aus zahlreichen Ländern an, unten denen auch sehr viele Menschen aus Europa sind. Dank einer Koalition vieler Staaten, die gemeinsam gegen die Terrormiliz zu Felde gezogen sind, und dank dem hohen Blutzoll kämpfender Kurden konnte das IS-Kalifat zerschlagen werden.  

Screenshot aus einem IS-Video, das ihren Anführer al Baghdadi 2015 bei einer Rede an einem unbekannten Ort zeigt | picture alliance / dpa

Eine internationale Koalition drängte den IS nach und nach zurück, bis er 2019 für besiegt erklärt wurde. Kurz darauf wurde auch der Tod ihres Anführers al Baghdadi bestätigt. Bild: picture alliance / dpa

Wieder zurück und immer noch da

Wie stark die von Pakistan unterstützten Taliban sind, haben sie in den vergangenen Wochen in Afghanistan eindrucksvoll gezeigt. Wie aktiv Al-Kaida mit seinen Ablegern noch ist, gibt zahlreichen Experten Rätsel auf.

Darüber, dass Zellen und Gruppierungen der IS-Terrormiliz weiterhin eine sehr ernsthafte Gefahr in Syrien und im Irak darstellen, sind sich hingegen viele Beobachter einig. Und der Sieg der Taliban in Afghanistan nährt eine weitere Sorge: dass das Land erneut zum Anziehungspunkt von Extremisten wird - die von dort aus wieder andere Länder destabilisieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. August 2021 um 19:05 Uhr.