Taliban-Kämpfer stehen auf einer Straße im In der Pandschir-Provinz | AFP
Analyse

Ein Jahr Taliban an der Macht Mächtig überfordert

Stand: 12.08.2022 07:11 Uhr

Seit einem Jahr sind die Taliban in Afghanistan an der Macht - und inzwischen gefestigt wie wenige Regierungen zuvor, sagen Experten. Ihr Regierungsstil bleibt zwar unberechenbar - die Nachbarstaaten interessiert aber etwas anderes.

Von Sebastian Manz, ARD-Studio Neu-Delhi

Zwei Jahrzehnte lang hatten westliche Truppen und das von ihnen unterstützte afghanische Militär versucht, die Taliban zu zerschlagen. Gelungen ist es ihnen nicht. Im Gegenteil: Vor einem Jahr übernahmen die Islamisten wieder die Macht in Afghanistan - und das dürfte bis auf Weiteres auch so bleiben, glauben profilierte Beobachter.

Den westlichen Attacken standgehalten zu haben, sei für die Taliban Legitimation, um nun wieder am Hindukusch zu herrschen, sagt Thomas Ruttig. Er ist Analyst beim unabhängigen Thinktank Afghanistan Analysts Network und beobachtet die Entwicklungen im Land seit Jahrzehnten. Die Taliban seien heute stärker denn je: "Sie stellen die mächtigste afghanische Regierung seit 40 Jahren", glaubt der Analyst.

Die politische Macht der Taliban basiere nicht nur auf militärischen Erfolgen. "Es gibt einen großen Teil in der afghanischen Bevölkerung, der auch den Wertvorstellungen der Taliban nahesteht", sagt Ruttig. Viele im Land hätten die westliche Besatzung abgelehnt. Nach dem Abzug der NATO-Truppen erlebt ein Großteil der Menschen in Afghanistan die friedlichste Phase seit Jahrzehnten.

Korruption eingedämmt

Auch erste politische Erfolge kann das neue Regime aufweisen. "Den Taliban ist es gelungen, Korruption relativ stark einzudämmen", sagt Ruttig. Damit hätten sich auch die Staatseinnahmen wieder erhöht. Die vergleichsweise friedliche Gesamtsituation im Land sorgt außerdem dafür, dass sich die Lage in der Landwirtschaft langsam verbessert und Handel wieder Fahrt aufnimmt. Das alles geschieht allerdings in überschaubarem Maß - nach wie vor ist ein Großteil der Bevölkerung von Hunger und Armut bedroht.

Unterdessen loten auch die ersten ausländischen Investoren vorsichtig ihre Möglichkeiten aus. Vor allem China, Russland und Pakistan zeigen gesteigertes Interesse an den Rohstoffvorkommen des Landes. Pakistan importiert bereits reichlich afghanische Kohle.

China habe Afghanistan dagegen als wichtigen Teil seines Neuen Seidenstraßen-Projekts identifiziert, glaubt Michael Kugelman, Afghanistan-Experte am unabhängigen Forschungsinstitut Wilson-Center in Washington. Mit diesem massiven Infrastrukturprojekt versucht China neue Handelswege zwischen Asien, Europa und Afrika zu etablieren. Das Regime in Kabul habe großes Interesse, enger mit China zusammen zu arbeiten, sagt Kugelman. "Die Taliban sind im Grunde überzeugte Vertreter einer liberalen Marktwirtschaft", ergänzt Thomas Ruttig. Noch aber agierten selbst die regionalen Investoren eher abwartend. Denn berechenbar sei die Politik der Taliban nach wie vor kaum.

Dysfunktionale Verwaltung

Den Grund dafür sehen die Experten darin, dass die Taliban-Bewegung selbst keine einheitliche Gruppe sei, sondern aus zahlreichen regionalen Fraktionen bestehe. Das führe etwa dazu, dass politische Zusagen der Zentralregierung in Kabul sich in anderen Landesteilen oft als wenig verlässlich erwiesen. "Das beste Beispiel ist das Versprechen der Amnestie für die Angehörigen des ehemaligen Staatsapparats", sagt Ruttig. Daran hätten sich viele Taliban in den Provinzen nicht gehalten und stattdessen alte Rechnungen beglichen. Sanktioniert würde solches Verhalten kaum: "Den Taliban ist am wichtigsten, die innere Einheit ihrer Bewegung zu bewahren."

Ein Taliban mit einem Laptop auf dem Schoß nimmt an einem Computerkurs teil. | AFP

Den Umgang mit der Moderne lernen: Taliban nehmen an einem Computerkurs teil. Bild: AFP

Neben Verlässlichkeit mangelt es dem Regime auch an Verwaltungskenntnissen. "Die Taliban sind in ihrem Kern eine Widerstandsgruppe, entsprechend haben sie kaum Verwaltungserfahrung", sagt Kugelman. Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten sei nach wie vor nicht sichergestellt. Verkehrswege, Energie- und Wasserversorgung im Land seien mitunter in katastrophalem Zustand. Überzeugende Lösungsansätze lägen bislang nicht vor. Es fehle den Taliban an qualifiziertem Personal. Viele Fachleute, die in den Behörden der Vorgängerregierung gearbeitet haben, hätten sich aus Furcht vor Repressionen zurückgezogen. 

Allerdings seien die Taliban heute flexibler als noch während ihrer ersten Regierungszeit um die Jahrtausendwende. "Es sind viele junge Leute dabei, die gut gebildet sind", hat Ruttig beobachtet. Diese besetzten nach und nach Schlüsselstellen in der Verwaltung. Die Finanzverwaltung etwa funktioniere bereits ganz gut.

Von außen kaum bedroht

Die schlagzeilenträchtigen Anschläge des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Afghanistan stellten keine ernsthafte Bedrohung für die Taliban dar, sind sich die Experten einig. Zum einen gelten die Angriffe meist nicht den Herrschenden, sondern religiösen Minderheiten im Land, zum anderen genieße der IS keinen Rückhalt in der afghanischen Bevölkerung.

Die Kämpfer der National Resistance Force (NRF) im Pandschir-Tal, rund 150 Kilometer nordöstlich von Kabul, sind die einzige verbliebene militärische Bedrohung für die Taliban. Die Bevölkerung des Tals hat die Talibanherrschaft seit jeher abgelehnt. Rund 3000 Kämpfer sollen sich dort nach wie vor in den Bergen verstecken. Die Taliban hatten bereits im vergangenen Jahr massiv Truppen in das Tal verlegt, um den Widerstand gewaltsam zu brechen. Tausende Menschen sind seither aus dem Pandschir-Tal geflohen. Analyst Michael Kugelman glaubt zwar, dass die NRF weiterhin existiert. Ihr fehlten aber die Mittel, um den Taliban ernsthaft gefährlich zu werden.

Momentan gebe es schlicht keine politische Alternative zu den Taliban. "Auch dem Westen ist es nie gelungen, eine halbwegs tragfähige Regierung in Afghanistan zu etablieren", sagt Thomas Ruttig. Deshalb werde sich das sich das Taliban-Regime wohl eine Weile halten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2022 um 05:05 Uhr.