Eine Taliban-Patrouille in Kabul (Afghanistan) | EPA

Machtübernahme in Afghanistan Taliban verschärfen den Kurs

Stand: 28.09.2021 17:20 Uhr

Für Barbiere in der afghanischen Provinz Helmand gilt ein Rasierverbot, Frauen sind einem Bericht zufolge nicht mehr an der Kabuler Uni zugelassen: Die Taliban verschärfen nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan ihren Kurs deutlich.

Die Taliban haben Barbieren in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans das Stutzen und Rasieren von Bärten verboten. Dies entspreche der Scharia, dem islamischen Gesetz, hieß es in einem Erlass der von der islamistischen Gruppe geschaffenen Lokalbehörde für Laster und Tugend, der am Montag an Barbershops in Laschkarga erging. "Jeder, der die Vorschriften verletzt, wird bestraft und niemand hat das Recht sich zu beschweren", heißt es in der Anordnung an die Barbiere. Mit welchen Strafen zu rechnen ist, wurde nicht angegeben.

Während ihrer ersten Herrschaft in Afghanistan hatten die Taliban auf einer rigorosen Auslegung des Islam beharrt. Unter anderem verlangten sie, dass Männer sich den Bart stehen lassen.

Offenbar keine Frauen mehr an der Uni Kabul zugelassen

Neue Regeln gelten offenbar auch an der Universität von Kabul: Der neu Taliban -Rektor schließt bis auf weiteres sowohl Studentinnen als auch weibliche Lehrkräfte von der angesehensten Bildungseinrichtung Afghanistans aus, wie die "New York Times" berichtete. Auf Twitter kündigte der neue Universitätsrektor Mohammed Aschraf Ghairat an, dass Frauen nicht zum Studieren oder zum Arbeiten kommen könnten, "solange nicht ein echtes islamisches Umfeld für alle gegeben" sei.

In der vergangenen Woche war der bisherige Leiter der Kabuler Universität, der Pharmakologie-Professor Mohammed Osman Baburi, zugunsten Ghairats abgesetzt worden. Schon unter dem letzten Taliban -Regime in den 1990er-Jahren waren Frauen und Mädchen von aller Bildung ausgeschlossen gewesen.

Die Taliban kündigten derweil an, in Afghanistan vorübergehend die Verfassung aus der Zeit des 1973 abgesetzten Königs Sahir Schah anzuwenden. Demnach war der König weder dem Volk noch dem Parlament gegenüber rechenschaftspflichtig. Ausgenommen von der alten Verfassung seien Artikel, die dem Islam widersprächen, sagte Taliban-Justizminister Abdul Hakim Scharai einer Erklärung seines Ministeriums zufolge. Die Verfassung von 1964 soll demnach für die Zeit der Übergangsregierung gelten.

Bislang keine Wahlen in Aussicht

Wahlen haben die Taliban seit ihrer Machtübernahme Mitte August nicht in Aussicht gestellt. Ihre derzeit fast 50 Mitglieder umfassende Übergangsregierung besteht nur aus Männern aus dem Umfeld der Taliban.

Die bisherige afghanische Verfassung, die 2004 verabschiedet wurde, lehnen die Taliban ab. Sie gilt aufgrund der darin verankerten Rechte und Freiheiten für die Bürger als eine der besten Verfassungen in der Region. Diese sieht unter anderem einen gewählten Präsidenten vor. Das lehnen die Taliban bislang auch ab.

Sorge vor hartem Regiment

Die Taliban hatten Mitte August die Macht in ganz Afghanistan übernommen. Die radikalislamische Gruppe hatte zunächst angekündigt, die Rechte von Frauen und Mädchen zu achten, so lange dies in Einklang mit der Scharia, dem islamischen Gesetz, stehe. Das Gesetz kann aber sehr unterschiedlich ausgelegt werden.

Die Welt betrachtet mit Sorge, ob die Taliban ihr harsches Regiment aus den 1990er-Jahren wieder einführen. Hinweise darauf gab es am Samstag, als Taliban vier mutmaßliche Entführer töteten und ihre Leichen auf öffentlichen Plätzen in der Stadt Herat aufhängten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. September 2021 um 17:00 Uhr.