Taliban-Kämpfer stehen in Kabul für ein Foto zusammen. | dpa
Analyse

Machtwechsel in Afghanistan Haben sich die Taliban geändert?

Stand: 18.08.2021 14:28 Uhr

Die Taliban geben sich in ihren ersten Äußerungen nach der Machtübernahme gemäßigt und um Verständigung bemüht. Doch ist das glaubwürdig? Haben sie sich seit ihrer Gewaltherrschaft in den 1990er-Jahren gewandelt?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

So mancher mochte seinen Ohren nicht trauen: Auf seiner ersten Pressekonferenz in Kabul suchte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid den Anschein völliger Harmlosigkeit zu erwecken. "Wir werden allen verzeihen", sagte er, "wir wollen, dass Frauen arbeiten", und auch: "Alle, die mit den USA und den internationalen Truppen zusammengearbeitet haben, sind sicher." Damit überraschte der Mann im schwarzen Turban, der seit Jahren die Pressearbeit für die Islamisten macht, aber nie zuvor sein Gesicht gezeigt hatte. Nun zeigte er ein bemüht freundliches.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Doch kann man diesen Versprechungen wirklich trauen? Legen es die Taliban nicht für den Moment darauf an, ihre Ziele zu erreichen: Internationale Hilfsgelder einzukassieren, als legitime Regierung anerkannt zu werden und ihre Kämpfer von Sanktionslisten der Vereinten Nationen zu bekommen, um dann eines Tages wieder ihr "wahres Gesicht" zu zeigen?

Zweifel sind angebracht

Wer die selbst ernannten "Gotteskrieger" kennt, die von 1996-2001 das Land kontrollierten, hat an der Selbstverharmlosung Zweifel. Denn mit ihrer extremen Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts, errichteten die Extremisten damals eine wahre Schreckensherrschaft. Mit öffentlichen Hinrichtungen im Fußballstadion von Kabul; mit dem Verbot für Mädchen, zur Schule zu gehen und für Frauen, das Haus zu verlassen; mit dem Abschaffen von Musik, Film, Sport und dem in Afghanistan populären Drachenfliegen.

Die Taliban ("Talib" heißt wörtlich übersetzt "Schüler") entstammten den während des Kriegs gegen die Sowjets in den 1980er-Jahren zu Hunderten in pakistanischen Flüchtlingslagern entstandenen Koranschulen, den "Madrassas". Als der Westen sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der Region zurückzog, gab es niemanden, der den von Pakistan und Saudi-Arabien geförderten Taliban bei ihrem Siegeszug Mitte der 1990er-Jahre etwas entgegenzusetzen hatte. Wirklich aufmerksam wurde die Welt erst wieder, als die Taliban im März 2001 die gigantischen und weltberühmten Buddha-Statuen in der zentralafghanischen Provinz Bamijan sprengten.

Vier Strömungen

Die entscheidende Frage lautet: Sind die zumindest propagandistisch hochmodern aufgestellten Extremisten im Kern noch dieselben Steinzeit-Islamisten wie vor 20 Jahren?

Experten gehen davon aus, dass die Taliban mindestens aus vier verschiedenen Strömungen bestehen: Zu jenen, die nun ein anderes Gesicht zu zeigen suchen als das der 1990er-Jahre, gehören zum einen die politisch-religiöse Führung und zum anderen jene, die mit ihrem Büro im katarischen Doha zumindest im Ansatz Gespräche mit der afghanischen Regierung führten.

Doch dann sind da als dritte und vierte Gruppe religiöse Hardliner sowie all jene eher Jüngeren, die nun den militärischen Sieg für die Extremisten errungen haben und vom Hass auf die bisherige Regierung und die Demokratie getrieben sind.

"Jetzt wird es darum gehen, dass die Führungskräfte ihre Untergebenen unter Kontrolle halten", sagt der Taliban-Kenner und für die Berghof-Foundation tätige Hans-Joachim Gießmann bei tagesschau 24. "Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt noch nicht entschieden." Heißt also: Welche Strömung am Ende die Oberhand behält, wie in ein paar Wochen das "wahre Gesicht" der Taliban aussehen wird, ist offen.

Wie streng wird die Scharia ausgelegt?

Dass ihre Regierung der Scharia folgen wird, haben die Extremisten klargestellt. Allerdings ist noch nicht abzusehen, wie sie diese auslegen wird - und ob sie möglicherweise einer strengeren Auslegung folgen wird, wenn erst alle westlichen Truppen außer Landes sind.

In einem stimmen sämtliche Experten (unter ihnen auch der pakistanische Publizist Ahmed Rashid, der ein Standardwerk zu den Taliban verfasste) aber überein: In den 1990er-Jahren haben die Islamisten - international isoliert - bewiesen, dass sie eben überhaupt nicht in der Lage waren, Afghanistan zu verwalten. Weshalb ihre Macht auch schon vor 9/11 zu bröckeln begann. Um nun den Gegenbeweis anzutreten, seien sie auf internationale Hilfe angewiesen.

Sollten die Afghanen auch diesmal den Eindruck bekommen, dass die Taliban "nicht liefern", wie es Gießmann ausdrückt, könnten sie dasselbe Schicksal wie die bisherige Regierung erleiden. Andere prophezeien, dass dann ein blutiger Bürgerkrieg drohe.

So oder so und gleich, welches Gesicht die Taliban im Moment zeigen: Die Angst vieler Afghaninnen und Afghanen ist gewaltig.

Die theologischen Ursprünge der Taliban

Die religiösen Wurzeln der Taliban liegen in der Denkschule der Deobandi. Dies ist eine große islamische Koranschule im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die als Ableger des strengen wahhabitischen Islams saudischer Prägung gilt und über großen Einfluss in Südasien verfügt. Ihre Anhänger vertreten die Auffassung, dass nur ein reiner und puristischer Glaube zu politischer Autonomie zurückführen könne.

Im Mittelpunkt des politisch-religiösen Handelns steht die strikte Anwendung einer radikalen Interpretation der Scharia: Frauen gelten als Personen zweiten Ranges und Gesang sowie Tanz werden als gotteslästerlich angesehen. Wie wichtig diese Prinzipien für sie sind, zeigte sich unter anderem daran, dass die Taliban im Sommer 2016 den beliebtesten Sufi-Sänger Pakistans, Amjad Sabri, umbrachten.

Von Ulrich Pick, SWR Mainz

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. August 2021 um 14:00 Uhr.