Soldaten posieren mit einer Taiwan-Flagge vor roten Girlanden, die anlässlich des Nationalfeiertags in Taipeh angebracht sind. | REUTERS

Taiwan Feiern mit der Bedrohung im Nacken

Stand: 10.10.2021 04:46 Uhr

Taiwan feiert heute den 110. Jahrestag der Revolution - es ist der Nationalfeiertag des Landes. Peking hat seine Militäraktivitäten vor der Insel deutlich erhöht - und doch fürchtet sich kaum ein Taiwaner vor einem Überfall.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Die taiwanische Luftabwehr warnte die Volksbefreiungsarmee: "Achtung, Sie sind in unsere Luftraumabwehrüberwachungszone eingedrungen. Sie beeinträchtigen unsere Sicherheit. Kehren Sie sofort um!" Das war am 2. Oktober. Doch die Warnungen blieben ungehört - im Gegenteil, China schickte weitere Flugzeuge.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

"Die letzten Tage haben gezeigt, dass Chinas Luftwaffenflotte in der Lage wäre, einen groß angelegten Angriff auf Taiwans Ostküste und sogar eine potenzielle US-Marineflotte im Westpazifik über mehrere Tage hinweg aufrechtzuerhalten", sagt Chieh Chong, Verteidigungsforscher bei der Nationalen Politikstiftung, die der taiwanischen Opposition nahesteht. "Dadurch steigt nicht nur die Gefahr für Taiwan, sondern auch die US-Marine spürt die gestiegene Bedrohung."

China wird USA überholen

Dabei waren Bombenflieger und Kampfjets im Einsatz, wie sie bei einem realen Angriff wohl auch wären. Zwar finden im Herbst stets große chinesische Manöver statt, sagt Chen, aber so massiv wie dieses Mal sei es noch nie gewesen: "Aus dem Verlauf des Manövers können wir sehr deutlich erkennen, dass die Kampffertigkeiten der gesamten chinesischen Luftwaffe stark gestiegen sind."

Ein Ergebnis jahrelangen Trainings und einer kontinuierlichen Modernisierung, meint der Sicherheitsfachmann. Militärstrategen gehen davon aus, dass China die US-Armee bis 2027 in realer Stärke überholt hat.

"Es ist wie mit Erdbeben"

In Taiwan wurde in den vergangenen Tagen unterdessen kräftig für den Nationalfeiertag geprobt - mit Militärparaden, Flugshows und Tänzen. Über die Manöver des großen Nachbarn berichteten die Medien nicht stärker als sonst.

"Solange diese Provokationsmanöver genau überwacht werden, machen wir uns keine großen Sorgen", sagt eine Lehrerin. "Wenn meine Schüler über dieses Thema reden, haben sie auch keine sonderliche Angst. Wir vertrauen auf unser Land."

"Es beunruhigt mich nicht. Ich denke, es ist eine natürliche Reaktion Chinas: Es will sich selbst durch eine Invasion stärken. Aber ich als Taiwaner kenne das seit Jahren, das war auch unter den Nationalisten nicht anders", sagt auch ein 30-jähriger Bankangestellter. "Es ist wie mit Erdbeben: Sie können täglich passieren, aber deshalb muss man nicht in ständiger Angst leben."

Risiko eines Unfalls, der Krieg auslöst

Taiwan hätte zwar militärisch gegen China keine Chance, versucht aber auf verschiedenen Ebenen Allianzen zu bilden und baut sein Verteidigungsbudget weiter aus. Es verschlingt bereits ein Fünftel des Gesamthaushaltes.

Chinas Kampfkraft ist im letzten Jahr zwar massiv gestiegen. Aber bis eine schnelle militärische Eroberung Taiwans möglich sei, dauere es noch eine Weile, sagt Chieh Chong von der Nationalen Politikstiftung. "Ich fürchte eher einen Krieg oder Konflikt, der sich an einem Unfall entzünden könnte."

Einen solchen gab es erst vor wenigen Tagen, ein US-Atom-U-Boot kollidierte mit im Südpazifik nahe Guam mit einem, wie es hieß, "Objekt". Passiert ist zum Glück nichts weiter.

Über der Erde gibt es indes auch erste Anzeichen einer Entspannung zwischen den beiden Großmächten USA und China. Noch vor Jahresende wollen sich die beiden Präsidenten Biden und Xi Jing Ping zu einem virtuellen Gipfel treffen. Das könnte auch gut für Taiwan sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.