Tadschikische Soldaten bei einer Militärparade | via REUTERS

Militärmanöver an afghanischer Grenze Vorbereiten auf den Ernstfall

Stand: 07.08.2021 00:06 Uhr

Der Vormarsch der Taliban in Afghanistan hat zentralasiatische Staaten in Alarmbereitschaft versetzt. Man fürchtet Grenzscharmützel und das Einsickern radikaler Kräfte. Gemeinsam mit Russland üben sie den Ernstfall.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu lässt sich eigentlich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Die Lage in Afghanistan aber treibt auch ihn um: der Vormarsch der Taliban, die Fluchtbewegungen, das Wiederaufblühen des Drogenhandels, die Rückkehr von islamistischen Terrorgruppen. "Wir sehen, wie aktiv sich Truppen des sogenannten Islamischen Staates aus unterschiedlichen Regionen, auch aus Syrien und Libyen, dorthin bewegen. Wir beobachten auch, wie gut diese Truppenbewegungen organisiert sind", beschreibt er die Lage.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan sich immer auch auf Russlands Verbündete, auf die zentralasiatischen Nachbarländer auswirkt. So flohen bereits kurz nach dem Abzug der internationalen Truppen mehr als 1000 Regierungssoldaten aus Afghanistan nach Tadschikistan. Es sei um ihr Leben gegangen, erklärte Anfang Juli ein junger Mann in einem Video, das die Regionalverwaltung Berg Badachschan veröffentlichte: "Wir hatten keine andere Wahl, als uns ins benachbarte Tadschikistan zurückzuziehen, als die Taliban weiter Richtung Grenze vorrückten."

Sorge vor Terroranschlägen

Zwei provisorische Flüchtlingslager wurden in Tadschikistan eingerichtet. Kurzzeitig suchten Hunderte afghanische Familien Zuflucht im Nachbarland. Für den tadschikischen Staat, der zu den ärmsten Asiens zählt, ist es nicht nur aus finanzieller Sicht ein Problem, erklärt der russische Militär-Experte Alexander Golz: "Man kommt nicht umhin, darüber zu reden, dass diese Flüchtlingsbewegungen von Kriminellen infiltriert werden, auch von Drogenhändlern, für die dies neue Möglichkeiten schafft."

Hinzu kommt die Sorge, dass sich unter den Flüchtlingen islamistische Kämpfer verstecken könnten. Schläfer, die jederzeit für Terroranschläge  sorgen können oder aber Rekruten werben. Golz, der sich in der Region auskennt, macht sich keine Illusionen: "Ein Mensch, der heute Soldat der Regierungsarmee ist, kann morgen ein Terrorkämpfer sein. Und übermorgen wieder Soldat der Regierungsarmee. Es passiert dort ständig."

Flüchtlinge müssen zurück

Die tadschikische Regierung dürfte auch deshalb alles daran gesetzt haben, die Flüchtlinge schnellstmöglich zurückzuschicken. Es habe, hieß es, ausreichend Sicherheitsgarantien für sie von der afghanischen Seite gegeben.

Das Vertrauen in die Zusicherungen der Taliban, dass keinerlei Gefahr für die Nachbarländer bestehe, scheint dagegen weniger ausgeprägt zu sein. Tadschikistans Präsident, Emamoli Rachmon, hat vorsichtshalber die Mobilisierung von 20.000 Reservisten angeordnet: "Die Lage im benachbarten Afghanistan, insbesondere an der Grenze, ist angespannt. Wir müssen vorbereitet sein."

Ein Manöver als Zeichen

Russland, das in Tadschikistan über eine große Militärbasis verfügt, hat für den Ernstfall bereits Unterstützung zugesagt. Seit Donnerstag will man zudem mit einem gemeinsamen Manöver ein klares Zeichen setzen. Geübt würden Kampfeinsätze, um bewaffnete Gruppierungen zu vernichten, es gehe um Aufklärung aus der Luft und eine Stärkung des Schutzes wichtiger Objekte, erklärte Russlands Verteidigungsminister Schojgu.

Für die Zeit des Manövers wurde die russische Truppe in Tadschikistan noch einmal verstärkt - auf 1800 Mann. Auch technisch wurde massiv aufgerüstet. Insgesamt sind an dem Manöver bis zum 10. August rund 2500 Soldaten aus Russland, Tadschikistan und Usbekistan beteiligt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. August 2021 um 05:51 Uhr.