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Nord-Syrien Angst vor einer neuen türkischen Offensive

Stand: 04.05.2021 11:24 Uhr

Der Nordosten Syriens steht unter kurdischer Selbstverwaltung, doch es kommt immer wieder zu Scharmützeln. Kurdische und christliche Milizen fürchten, dass die Türkei und ihre verbündeten Milizen eine neue Offensive planen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. Rakka

Abu Carlos bleibt, auch wenn ihn das sein Leben kosten kann. Der Christ ist Landwirt, baut Tomaten an vor seinem Haus in Tel Tawil im Nordosten Syriens. Seit einem Jahr liegt ein Großteil seiner Anbaufläche brach. Keine 500 Meter entfernt lauert der Gegner: islamistische Kämpfer, die immer wieder auf die Gegenseite schießen. "Ich würde lieber auf diesem Land sterben als es zu verlassen", sagt der 62-Jährige.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Seit Oktober 2019 haben sie vor Abu Carlos Haustür Stellung bezogen. Die Türkei befahl damals eine Militäroffensive gegen die kurdische Selbstverwaltung in Nordost-Syrien. Aus Sicht von Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Terrororganisation, die mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zusammenarbeitet. Türkei-nahe Milizen rückten in die Grenzregion vor, verübten Gräueltaten an Kurden und Christen.

Die Angst ist geblieben

Spuren der Offensive sind bis heute auch in Tel Tawil zu sehen. Einige Wohnhäuser wurden von Granaten schwer getroffen, an vielen Hauswänden gibt es Einschusslöcher. Einst lebten hier 42 christliche Familien. Jetzt sind es noch vier. Für Abu Carlos sind die islamistischen Kämpfer auf der anderen Seite der Frontlinie Besatzer. Seine Frau und die drei Kinder sind aus Angst vor ihnen weggezogen.

Der 62-Jährige hält allein die Stellung. "Ich fühle mich wie ein Gefangener. Ich habe hier niemanden, lebe ganz allein in dem Dorf. Es gibt kaum soziale Kontakte mit anderen Menschen wie früher", sagt er.

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Sorgt sich um die Zukunft seiner Heimatregion: der Landwirt Abu Carlos ( Sendungsbild).

Kampf gegen übermächtigen Gegner

Kämpfer einer christlichen Miliz wollen Menschen wie Carlos schützen. Viele sind es nicht. Nur 1200 Christen sind geblieben. Vor Erdogans Offensive waren es dreimal so viele. Die Miliz ist mit den Kurden eng verbündet.

Nabil Qorda befiehlt die kleine Truppe mit 145 Mann. Er weiß, dass sie gegen die Türkei und ihre Verbündeten letztlich keine Chance haben: "Wir sind nicht ein Prozent von ihrer Truppenstärke, aber wir werden uns verteidigen. Wir können nicht einfach wie in der Vergangenheit kapitulieren. Wir müssen bis zur letzten Minute, bis zum letzten Soldaten durchhalten."

Seit einigen Wochen steigt das Risiko einer neuen militärischen Intervention. Immer wieder gibt es Schusswechsel, schlagen Granaten ein, wie Basil, einer der Kämpfer, erzählt: "Sie greifen alle möglichen Dörfer an, arabisch geprägte, christliche, kurdische. Sie wollen die Region demographisch verändern, indem ihre Familien hierher ziehen und sie die Alteingesessenen vertreiben."

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Noch halten die kurdischen und christlichen Milizen die Stellung. Aber einer türkischen Offensive hätten sie wenig entgegenzusetzen (Sendungsbild).

Druck von vielen Seiten

Die kurdische Selbstverwaltung steht von vielen Seiten unter Druck. Syriens Machthaber Baschar al-Assad will die Kontrolle über ganz Syrien zurück, unterhält in der Region Militärstützpunkte, ebenso wie sein Verbündeter Russland. Auch die USA sind immer noch präsent. Einst waren sie engste Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Nach dem verlustreichen Sieg aber ließ Präsident Donald Trump die Kurden im Stich und gab seinem Amtskollegen Erdogan grünes Licht für seine Militäroffensive.

Der will die Selbstverwaltung weiter destabilisieren, droht immer wieder mit einer neuen Offensive, sorgt so dafür, dass keine Ruhe einkehrt in Nordost-Syrien. Für die Menschen dort sorgt das für Angst und Verunsicherung. Sie hoffen nach all den Jahren Krieg und Terror auf Frieden und Stabilität und werden wohl enttäuscht.

Abu Carlos will sich nicht einschüchtern, nicht vertreiben lassen, auch wenn die meisten seiner Freunde längst gegangen sind. Der kleinen christlichen Gemeinde Syriens ist er das schuldig, wie er glaubt.

Über dieses Thema berichtete das ARD Mittagsmagazin am 04. Mai 2021 um 13:27 Uhr.