Russische Flaggen und Syriens Machthaber Baschar Al-Assad auf einer Kundgebung in Damaskus. | AFP

Krieg in der Ukraine Syrische Kämpfer für Russland?

Stand: 26.03.2022 02:24 Uhr

Nach Kreml-Angaben wollen Zehntausende Freiwillige aus dem Nahen Osten Russland im Krieg gegen die Ukraine verstärken. Soziale Netzwerke raunen von syrischen Kämpfern - aber belegen lässt sich ihr Einsatz nicht. Was ist bekannt?

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo

Um den Feinden Russlands Angst einzujagen, inszenierten Russlands Präsident Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schojgu Mitte März in klassischer Weise ein Briefing vor laufenden Kameras: 16.000 freiwillige Kämpfer im Nahen Osten hätten sich gemeldet, um an der Seite Russlands in der Ukraine zu kämpfen, sagte Schojgu. Worauf Putin ganz spontan antwortete: "Wenn wir sehen, dass diese Freiwillige unseren Leuten im Donbass helfen wollen, ohne dafür Geld zu verlangen, dann sollten wir sie auch dabei unterstützen, ins Kampfgebiet zu kommen."

Martin Durm

Kurz danach teilt das russische Verteidigungsministerium Videos von begeisterten syrischen Kämpfern, die Transparente mit dem Z-Zeichen schwenken - das russische Symbol "für den Sieg".

Seitdem überbieten sich nun weltweit Nachrichtensender,  Nahost- und Sicherheitsexperten in Spekulationen darüber, ob 16.000, 22.000 oder gar 40.000 syrische Kämpfer auf dem Weg ins ukrainische Kriegsgebiet sind. Die Schwierigkeit ist nur: Bislang ist kein einziger Fall dokumentiert.

Falschmeldung mit syrischem Offizier

Am 19. März schien es einen ersten konkreten Hinweis zu geben: Ein Post, der in den sozialen Netzwerken des Nahen Ostens viral ging: "Syrisches Blut mischt sich mit russischem Blut", hieß es da - der Märtyrer und Held Mudar Abdul Aziz sei an der Seite seiner russischen Kameraden im Donbass gefallen. Dazu das Bild eines syrischen Kämpfers in Fleckuniform.

Wenig später stellte sich heraus, dass es sich bei dem angeblich im Donbass Getöteten um einen Offizier handelte, der bereits 2015 in  der syrischen Provinz Idlib ums Leben kam - ein klarer Fall von Kriegspropaganda.

Die Frage ist nur: Was will sie bezwecken? Soll sie den Gegner verunsichern oder der "Internationalen Legion" in der Ukraine etwas entgegen setzen? 16.000 Freiwillige seien zur Verstärkung aus dem Ausland gekommen, hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi am 3. März in einer Videobotschaft erklärt. Vermutlich war es kein Zufall, dass Putin am 14. März die gleiche Zahl nannte.

Russische Armee seit 2015 in Syrien präsent

Bei aller Skepsis liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass Putin für seinen Krieg in der Ukraine syrische Schützenhilfe bekommt: Im Oktober 2015  intervenierte Russland im syrischen Bürgerkrieg und bewahrte das taumelnde Assad-Regime mit Kampfjets, Raketen und Streubomben vor dem Sturz. Gleichzeitig meldete sich Moskau mit imperialem Anspruch auf der Weltbühne zurück.

Syrien, sagen heute viele Nahost-Kenner, sei die Generalprobe für den Angriffskrieg in der Ukraine gewesen. Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen beiden Konflikten. Darüber ist man sich auch in Damaskus im Klaren: "Wir stehen fest zu Russland", erklärte kürzlich Ayman Sousan, stellvertretender syrischer Außenminister bei einer Pressekonferenz vor regimetreuen Journalisten, und fügte hinzu: Loyalität sei jetzt geboten - Russland habe viel dafür getan, den Terrorismus in Syrien zu besiegen.

Noch immer ist die russische Armee in Syrien präsent, mit Kriegsschiffen im Hafen Tartus, Kampfflugzeugen auf dem Militärflugplatz Hmeimim und Offizieren vor Ort. In Abstimmung mit der syrischen Armee werben diese vor allem bei schiitischen Milizen um Söldner, heißt es auf oppositionellen Internetforen.

"Wir hören aus unterschiedlichen Quellen, dass jetzt viele angeworben werden und noch vor ihrem Einsatz in der Ukraine in Syrien eine Ausbildung bekommen. Die meisten sind Mitglieder regimetreuer Milizen", sagt der syrische Analyst Bassel Karadol, der im Exil lebt. "Was interessant ist: Putin sagt: Wir geben euch kein Geld. Aber offenbar bieten die Russen an, dass die Kämpfer nach dem Krieg einen ständigen Wohnsitz im Donezker Gebiet bekommen sollen. Ich denke aber, da ist auch Geld im Spiel."

Auch das Pentagon hat keine Antworten

Ein Jahrzehnt Bürgerkrieg hat Syriens Städte in weiten Teilen verwüstet, Millionen Menschen sind verarmt, am Ende, ohne Einkommen und ohne Arbeit. Krieg, egal ob er in Europa oder in Afrika tobt, ist für syrische Milizionäre eine reale Option. Angeblich könnten sie in der Ukraine bis zu 700 US-Dollar pro Monat verdienen, wenn sie denn überleben - und es sie überhaupt tatsächlich gibt.

In den Endlosschleifen der internationalen Nachrichtensender spekulieren Militärexperten seit Tagen darüber, ob angeworbene Syrer in der Ukraine eher für den Häuserkampf taugen als das russische Militär. Ob sie erfahrener sind und ihr Einsatz die hohe Verlustquote der Russen womöglich etwas verringert.

Fragen über Fragen, die man sich auch im Pentagon stellt: "Eigentlich kann ich nicht viel über russischen Bemühungen sagen, syrische Kämpfer anzuwerben", erklärte kürzlich John Kirby, der Sprecher im US-Verteidigungsministerium. "Da könnte schon was dran sein... Aber wieviel kriegen sie? Was zahlen sie? Und ich will nicht darüber spekulieren, warum Herr Putin es nötig haben sollte, Hilfe bei syrischen Kämpfern zu suchen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. März 2022 um 06:20 Uhr.