Kinder spielen an einer schmutzigen Pfütze im Flüchtlingscamp Sahlah al-Banat im Norden Syriens. | AFP

Nordosten Syriens Auf die Besatzung folgt die Cholera

Stand: 21.09.2022 14:36 Uhr

Hilfsorganisationen warnen vor einer Epidemie: Im Norden Syriens häufen sich Cholera-Verdachtsfälle. Eine Ursache dafür ist Wassermangel - und das liegt auch an der türkischen Besatzung der Region.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Sie weinen, schreien, liegen völlig erschöpft auf Plastikliegen: Kinder mit Cholera-Symptomen in der städtischen Klinik von Hasaka. 30 Fälle haben die Ärzte hier schon bestätigt. Täglich werden es mehr.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Die Eltern und Großeltern der kleinen Patienten wachen am Bett in großer Sorge. "Sie sind jetzt schon seit vier Tagen hier", sagt Wahba Al-Hammad, die Mutter zweier erkrankter Kinder. "Sie haben immer noch hohes Fieber, Durchfall und Erbrechen."

Medikamente nicht für alle

Kinder und Ältere sind besonders gefährdet: Wird Cholera nicht schnell behandelt, kann die Krankheit tödlich enden. In der Klinik reichen die Medikamente aber nur noch für jeden zweiten Neupatienten.

"Wir können leider nicht allen helfen, derzeit leider nur jedem zweiten", sagt der Arzt Shivan Mustafat, auf dessen Station allein an diesem Tag acht Patieten aufgenommen und auf die Intensivstation verlegt wurden. "Wenn uns internationale Organisationen nicht schnell helfen, dafür sorgen, dass wir in Hasaka wieder genug sauberes Wasser haben, wird es zu einer Katastrophe kommen."

Idealer Nährboden für Cholera

Hasaka leidet unter extremem Wassermangel. Die Türkei hat den Menschen in der Region den Hahn zugedreht, wie sie beklagen. 2019 haben türkische Einheiten einen Grenzstreifen in Nordostsyrien besetzt, denn Präsident Recep Tayyip Erdogan betrachtet die kurdische Selbstverwaltung als Terrororganisation, die es zu bekämpfen gelte.

Die Türkei kontrolliert nun auch das Wasserwerk, das die Region beliefert. Von dort aber kommt kaum noch Wasser. Auch aus den Flüssen schöpfe die Türkei viel Wasser ab, heißt es. Einige sind völlig ausgetrocknet. Hitze und Dürre kommen hinzu.

Nun holen sie Wasser in Hasaka oft aus verschmutzten Brunnen - der ideale Nährboden für Cholera. Die Hygiene ist vielerorts katastrophal. Kinder trinken oft aus denselben Bechern. "Die Wasserbehälter sind nicht sauber, nicht gereinigt und es wird einfach nicht desinfiziert," klagt Muhammad Al-Ezz, ein Anwohner aus Hasaka. 

Eine Frau füllt einen Kanister mit Wasser im Flüchtlingscamp Sahlah al-Banat im Norden Syriens. | AFP

Die Versorgung mit Wasser ist in allen Flüchtlingslagern in Syrien ein Pproblem - in Rakka stellen Hilfsorganisationen große Behältnisse für die Geflüchteten auf. Bild: AFP

"Tickende Zeitbombe" Flüchtlingscamp

Besonders hart trifft es Flüchtlinge in der Region, die von türkischen Einheiten aus ihren Städten und Dörfern im Grenzbereich vertrieben wurden. Allein in dem Flüchtlingslager bei Hasaka leben etwa 15.000 Menschen. Wasser ist rar und oft verunreinigt. Die Zahl der Cholera-Fälle häuft sich. Im Camp geht die Angst um, dass sich die Krankheit unter den Flüchtlingen rasend schnell ausbreitet.

Arzt Dollar Farhan, der Patienten im Lager behandelt, warnt: "Camps sind natürlich immer eine tickende Zeitbombe, wenn es um solche Krankheiten geht, weil die Verschmutzung hier so groß ist. Das Wasser ist nicht sauber, das Gemüse nicht, Fleisch und Lebensmittel sind nicht sauber. Am Markt fahren Autos vorbei und spritzen Staub und Dreck auf die Lebensmittel."

Hunderte Verdachtsfälle wurden in der Region schon gemeldet, auch etliche Todesfälle. Hilfsorganisationen warnen nun vor einer Cholera-Epidemie in Syrien. Es wäre die erste nach zehn Jahren und eine neue Hiobsbotschaft in dem krisengeschüttelten Land.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. September 2022 um 12:00 Uhr.