Frank-Walter Steinmeier in der Gedenkstätte Yad Vashem | dpa

Steinmeier in Jerusalem "Das Leid erfüllt uns mit Scham"

Stand: 01.07.2021 17:46 Uhr

Bundespräsident Steinmeier hat am zweiten Tag seiner Israel-Reise die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Bei einem Treffen mit Präsident Rivlin betonte er die Bedeutung der deutsch-israelischen Freundschaft.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv, zzt. Jerusalem

Mit einem Gebet ist in Yad Vashem an die Opfer des Holocaust erinnert worden. Zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Fotoausstellung in der Gedenkstätte besucht, und ihm waren Tagebücher von Überlebenden gezeigt worden. Danach trug er sich ins Gästebuch von Yad Vashem ein:

Das unbeschreibliche Leid, das im Namen Deutschlands angerichtet wurde, erfüllt uns mit Schmerz und Scham. Wir werden die Erinnerung daran wach halten - im Gedenken an die Ermordeten und für kommende Generationen.
Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

"Nie wieder!" - so endete der Eintrag des Besuchers aus Deutschland im Gästebuch.

"Lieber Ruvi, unsere Freundschaft bleibt"

Bevor der Bundespräsident die Gedenkstätte auf dem Jerusalemer Herzlberg besuchte, traf er Israels scheidenden Staatspräsidenten Reuven Rivlin. Ein Treffen unter Freunden - dieser Eindruck drängte sich angesichts der Herzlichkeit zwischen den beiden Staatsoberhäuptern auf. Steinmeier nannte Rivlin beim Spitznamen: "Lieber Ruvi, deine Amtszeit endet, unsere Freundschaft bleibt."

Im Januar vergangenen Jahres hatte Israel mit einer großen Gedenkveranstaltung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert. Staatsgäste aus aller Welt kamen. Dafür, dass er, als Vertreter des Landes der Täter, eingeladen wurde, dankte der Bundespräsident seinem israelischen Kollegen nun ausdrücklich:

Ich konnte als deutscher Präsident an dieser Veranstaltung nur deshalb teilnehmen, weil ein israelischer Präsident den Mut hatte, mich dorthin einzuladen. Ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit war.
Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin betrachten ein Tagebuch eines Holocaust-Opfers. | AFP

Steinmeier und sein israelischer Amtskollege Rivlin betrachten das Tagebuch eines Holocaust-Opfers in der Gedenkstätte Yad Vashem. Bild: AFP

Steinmeier betont Bedeutung des Atomabkommens

Auch die Lage in der Region war Thema beim Treffen der beiden Präsidenten. Deutschland und Israel eint die Sorge über die Rolle des Iran. Bei der Frage, wie darauf zu reagieren ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Steinmeier erneuerte in Jerusalem den deutschen Wunsch nach einem Festhalten am Nuklearabkommen mit dem Iran. Die israelische Führung sieht das Abkommen hingegen weiter kritisch, wie Präsident Rivlin klar machte:

Obwohl wir manchmal zu unterschiedlichen Themen anderer Meinung sind, ist es innerhalb einer Freundschaft normal, dass man dennoch befreundet sein kann. Unsere beiden Nationen stehen gemeinsam im Kampf gegen das Bestreben des Iran, atomare Waffen zu erlangen, die die Stabilität der Region und der ganzen Welt bedrohen können.

Erstes Treffen mit Premier Bennett

Als einer der ersten ausländischen Staatsgäste überhaupt traf Steinmeier auch mit dem neuen israelischen Premier Naftali Bennett und mit Außenminister Jair Lapid zusammen. Nur wenige Wochen nach dem letzten Gaza-Krieg betonte Steinmeier schon vor den Gesprächen erneut die Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung:

Der israelisch-palästinensische Konflikt verschwindet nicht. Und ich glaube, dass der alte Satz, den wir oft gesagt haben, immer noch richtig ist: Eine gute Zukunft wird es am Ende nicht geben ohne eine politische Lösung.

Doch die Aussichten auf baldige Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien sind derzeit gering. Das ist auch dem Bundespräsidenten klar. Zunächst müsse ein Mindestmaß an Vertrauen aufgebaut werden, sagte er.

Frank-Walter Steinmeier und Naftali Bennett | dpa

Steinmeier im Gespräch mit Israels neuem Premier Naftali Bennett Bild: dpa

Persönliche Verabschiedung von Rivlin

Morgen beendet Steinmeier seine bisher dritte Israel-Reise als deutsches Staatsoberhaupt mit dem Besuch einer Forschungseinrichtung in der Negev-Wüste. Kurz vor dem Rückflug nach Deutschland wird er sich noch persönlich bei Rivlin verabschieden, dessen Amtszeit in der nächsten Woche endet.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Juli 2021 um 17:05 Uhr.