Proteste in Colombo (Sri Lanka) gegen die Regierung | EPA

Proteste gegen Regierung Sri Lankas Demonstranten geben nicht auf

Stand: 27.04.2022 14:46 Uhr

Seit Wochen gehen auf Sri Lanka Tausende Demonstranten auf die Straßen, um gegen Präsident Rajapaksa und die verheerende Wirtschaftskrise zu demonstrieren. Kommt nun Bewegung in den Machtkampf?

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi, zurzeit Colombo

Präsident Gotabaya Rajapaksa, genannt Gota, kann es eigentlich nicht überhören. Seit drei Wochen schon fordern an der Seepromenade "Galle Face" in Colombo jeden Abend Tausende Demonstrantinnen und Demonstranten seinen Rücktritt - und den seines Bruders, des Premierministers Mahinda Rajapaksa.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Es sei ein friedlicher Protest, sagt Organisator Franco, und vor allem ein Protest von Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen: "Wir sind hierher gekommen in dem Bewusstsein, alle Sri-Lanker zu sein. Nicht alleine Katholiken, Buddhisten oder Muslime. Wir fühlen uns sehr miteinander verbunden. Und wir konzentrieren uns auf unser gemeinsames Ziel: die Regierung loszuwerden."

Wichtig sei, dass die Öffentlichkeit die Proteste sehe - im Land, aber auch anderswo in der Welt. Deshalb filmten sie alles und stellten es ins Internet, sagt die Bankmanagerin Inosha: "Ich benutze Instagram. Andere nutzen Twitter und Facebook. Eben alle verfügbaren sozialen Medien." Sie selbst sei zwar von der schweren Wirtschaftskrise kaum betroffen, so die 48-Jährige. Doch sie komme aus Solidarität zu den Protesten, "weil viele ärmere Menschen sich die Fahrt in die Hauptstadt nicht leisten können".

Ausgelassene Stimmung

Nur ein paar Meter vom Meer entfernt haben sie ein Zeltdorf aufgebaut, sie nennen es "Gotagogama", was soviel heißt wie "Gota-hau-ab-Dorf". Dutzende der Demonstranten campieren hier. Abends strömen die Menschen dann aus ganz Colombo dort hin, aber auch aus anderen Landesteilen Sri Lankas, um gemeinsam zu protestieren.

Demonstrierende mit Plakaten und Flaggen in Sri Lankas Hauptstadt Colombo | ARD Neu-Delhi

Proteste gegen die Regierung kommen vor allem abends in Colombo zusammen. Bild: ARD Neu-Delhi

Die Stimmung ist meist ausgelassen und fröhlich, hat etwas von einem Volksfest. Suppe wird verteilt, an einer anderen Bude gibt es kostenlos Getränke, alles wurde gespendet. Das Rote Kreuz und die Johanniter haben Sanitätswachen aufgebaut, Rettungswagen sind in Bereitschaft. Und auch Rechtsanwalt Danye und seine Kollegen haben einen Stand, alle mit akurat weißem Hemd. "Legal Aid Office" - Rechtshilfebüro - steht auf einem Plakat: "Wir sind hier ehrenamtlich und gehören keiner politischen Gruppe an. Wir wollen nur die Demonstranten unterstützen und sie über ihre Rechte aufklären."

Zelte vor dem Sitz des Sekretariats des Präsidenten in Colombo (Sri Lanka) | EPA

In Zelten harren die Demonstranten in Colombo aus - ihr Protest ist auf Dauer angelegt. Bild: EPA

Die Schulden nehmen überhand

Die vergangenen Monate war es rapide bergab gegangen in Sri Lanka. Die Regierung kann die Schulden des Landes nicht mehr bedienen, das Land steht kurz vorm Staatsbankrott. Es hat sich ein Berg von 25 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden aufgetürmt. "Anfang 2022 sollte Sri Lanka sieben Milliarden Dollar an seine Gläubiger zahlen", sagt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Ganeshan Wignaraja. "Doch dem stehen nur Währungsreserven in Höhe von 1,9 Milliarden gegenüber."

Die Krise sei weitgehend hausgemacht - durch gravierende Fehlentscheidungen der Regierung Rajapaksa, die im vergangenen Jahr von einem Tag auf den anderen den Einsatz von Kunstdüngern untersagt hatte. "Sie waren da ganz schlecht beraten", sagt Wignaraja. In der Folge habe es Missernten gegeben und gewaltige Einbrüche bei den Einnahmen. "Heute haben wir eine Schuldenkrise und eine Wirtschaftskrise. Zum einen ist die Wirtschaft als Ganzes aus dem Gleichgewicht gekommen. Und dann kann noch Pech dazu: Corona und die Russland-Ukraine-Krise."

Tatsächlich konnten wegen der Pandemie über zwei Jahre hinweg keine Touristen mehr ins Land kommen. In Folge des Krieges in der Ukraine wurde Treibstoff immens teuer, zudem sind die Teeexporte nach Russland eingebrochen.

Schlange stehen - für alles

Nun müssen die Sri-Lanker für alles, was sie brauchen, Schlange stehen, wenn sie es überhaupt bekommen. Vor Tankstellen stehen zig Autos, die nicht selten vergeblich auf eine Tankfüllung warten. Menschen kommen nicht mehr zur Arbeit, weil es kein Benzin gibt - so wie Fischer, die ohne Treibstoff nicht aufs Meer hinausfahren können.

Gerade ärmere Familien können sich selbst das Kochen nicht mehr leisten, weil die Preise für die dafür notwendigen Gasflaschen sich innerhalb kurzer Zeit mehr als verdreifacht haben. Und selbst importierte Medikamente werden knapp, von Paracetamol bis zu Herz- und Diabetesmitteln. Hinzu kommen Stromausfälle, die stundenweise ganze Stadtviertel lahmlegen.

Demonstranten in Colombo (Sri Lanka) fotografieren sich vor einem Schriftzug "Go home Gota" | AFP

"Gota hau ab" - die Forderung der Demonstranten in Colombo ist eindeutig, Bild: AFP

Kein Benzin für Schulbusse

Schuld an der Misere habe eben die Regierung Rajapaksa. So sieht das auch die 13-jährige Leenara, die mit ihrem Vater zu den Protesten gekommen ist: "Wegen dieser Wirtschaftskrise können wir nicht in die Schule, weil es keinen Treibstoff für die Schulbusse gibt", sagt sie. "Es gibt auch kein Milchpulver für uns. Alles ist auch so teuer geworden."

Vater Dan sagt, er habe früher die Rajapaksas unterstützt. Das sei jetzt aber passé: "Beim letzten Mal habe ich noch beim Wahlkampf der jetzigen Regierung geholfen. Aber jetzt bin ich hierhergekommen, um mit all diesen Menschen zu sein." Und gegen Vetternwirtschaft und Korruption, die mit der Familie Rajapaksa verbunden sei.

Protestplakat gegen die Regierung von Sri Lanka. | ARD Neu Delhi

Mit den Brüdern Rajapaksa an der Spitze des Landes sind die Sri-Lanker nicht mehr zufrieden: Karikaturen der beiden hängen im Protestcamp. Bild: ARD Neu Delhi

Außerhalb Colombos ein anderes Bild

In Colombo blieb es trotz der Proteste zuletzt ruhig. Außerhalb der Hauptstadt jedoch war vergangene Woche eine Demonstration eskaliert. Die Sicherheitskräfte hatten Tränengas eingesetzt, es gab Schüsse in die Menge, ein Demonstrant starb, dreizehn Menschen wurden verletzt.

Da Sri Lankas Regierung im Moment mit dem Weltwährungsfonds verhandle, um neue Kredite zu bekommen, werde es der Rajapaksa-Clan jedoch nicht wagen, gewaltsam gegen die Demos in Colombo vorzugehen, so die Hoffnung vieler Menschen.

In den vergangenen Tagen kam nun Bewegung in den Konflikt: Der Präsident hat offenbar signalisiert, einer Übergangsregierung nicht mehr prinzipiell im Wege stehen zu wollen. Die Opposition will dafür überparteiliche Expertinnen und Experten einsetzen, die das Land für einige Monate regieren.

Mit Störsendern gegen Live-Berichte

Dennoch versuche die Regierung Rajapaksa noch aktiv zu verhindern, dass es so viele Live-Berichte vom Ort der Proteste gibt, sagt Demonstrantin Inosha. Es gebe, so hätten sie festgestellt, einen Störsender am zentralen Ort der Proteste, den offenbar die Regierung habe installieren lassen.

"An bestimmten Orten können wir nicht mehr live gehen. Deshalb nehmen wir es eben auf und posten es danach“, sagt Inosha. "Für uns gilt: Alles aufnehmen, Videos machen und später dann ins Netz stellen."

Über dieses Thema berichtete BR24 aktuell am 2. April 2022 um 09:37 Uhr.