Demonstrierende stürmen das Gelände des Premierminister von Sri Lanka in der Hauptstadt Colombo. | dpa

Proteste in Sri Lanka Das Volk begehrt auf

Stand: 13.07.2022 13:38 Uhr

Präsident geflohen, Ausgangssperre in der Hauptstadt und Notstand im gesamten Land: In Sri Lanka protestieren weiterhin Tausende gegen die politische Führung. Die Übergangsregierung muss weitere Unruhen befürchten.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Einen Krankenwagen soll doch jemand rufen, schreit ein Demonstrant, während ein Mann verletzt auf dem Boden liegt. Seit Stunden schon herrscht Chaos im Zentrum von Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas. Zehntausende protestieren, sind wütend, nachdem Noch-Präsident Gotabaya Rajapaksa am frühen Morgen geflohen war.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Die Menschen wollten zwar immer, dass er zurücktritt - aber auch, dass er und sein Clan sich für das verantworten, was sie in Sri Lanka angerichtet haben. "Jetzt herrscht die Macht des Volkes, das ist das Wichtigste", sagt ein Demonstrant der Nachrichtenagentur AP. Diese Macht, sie habe ihren Höhepunkt erreicht. Jetzt sollten die Politiker die Macht des Volkes sehen und den Befehlen des Volkes folgen.

Rajapaksa flieht auf die Malediven

Seit dem frühen Morgen überschlagen sich die Ereignisse. Präsident Rajapaksa war zusammen mit seiner Frau und einem Leibwächter in eine Militärmaschine gestiegen und hatte sich auf die Malediven fliegen lassen, nur etwa eine Flugstunde von Colombo entfernt. Zu diesem Zeitpunkt war er noch amtierendes Staatsoberhaupt. Es wird vermutet, dass er schon deshalb nicht zurückgetreten war, um im Schutz der Immunität als Präsident aus seinem Land zu fliehen.

Am Morgen dann beanspruchte Premierminister Ranil Wickremesinghe für sich, die Funktion des Präsidenten zu übernehmen. Er ließ den Notstand ausrufen und eine Ausgangssperre über Colombo und die gesamte Westprovinz Sri Lankas verhängen.

"Wo bleibt denn der Wandel?"

Die Proteste im Land richten sich längst nicht mehr nur gegen den Präsidenten, der vor seiner Verantwortung geflohen ist, gegen seinen Clan oder gegen den Premier, der ebenfalls der alten Garde angehört. Die herrschenden Politiker seien diskreditiert, sagt ein Demonstrant dem ARD-Hörfunk.

Was haben sie 74 Jahre lang getan? Klar gab es hier Entwicklung. Aber was hat es uns am Ende gebracht? Die können hier mit Geld einfach nicht umgehen, egal was reinkommt. Wo bleibt denn der Wandel? Wenn sie mit dem Geld, das wir eingenommen haben, hätten umgehen können - dann wären wir ganz vorn.

Der Präsident werde heute zurücktreten, hat nun ein Sprecher erklärt. Er werde ein Rücktrittsschreiben schicken. Am 20. Juli, also in sieben Tagen, solle dann ein neuer Präsident gewählt werden. Es war jüngst die Rede von einer All-Parteien-Regierung.

Keine Beruhigung der Massen

Doch auf den Straßen gibt es keine Beruhigung. Tränengas, Hubschrauber werden eingesetzt, Barrikaden von Demonstrierenden eingerissen. Es droht ein Sturm auf den Sitz des Premierministers. Denn die Menschen fühlen sich betrogen von ihren Führern - und sie geben ihnen die Schuld an der Wirtschaftskrise.

Kein Treibstoff, keine Medikamente, keine Lebensmittel, die Währung verfallen: So etwas hatte der Inselstaat seit mehr als 70 Jahren nicht erlebt. Wie der Tag weitergeht - niemand weiß es. Noch sieht es nicht so aus, als ließen sich die Massen beruhigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Juli 2022 um 12:00 Uhr.