Taliban-Kämpfer stehen vor dem internationalen Flughafen Hamid Karzai Wache. | dpa

Angst vor Taliban 350 Ortskräfte verlassen "Safe Houses"

Stand: 16.08.2021 21:57 Uhr

In Kabul haben etwa 350 Ortskräfte ihre von einer deutschen gemeinnützigen Organisation organisierten Sammelunterkünfte verlassen. Die "Safe Houses" seien nur noch Todesfallen, sagte der Leiter, Grotian. Die Taliban durchsuchten systematisch Häuser.

Weil sie nicht mehr sicher waren, haben in Kabul ungefähr 350 Ortskräfte ihre von einer deutschen gemeinnützigen Organisation organisierten Sammelunterkünfte verlassen müssen. Das teilte ein ehemaliger Übersetzer der Bundeswehr in Masar-i-Scharif der Nachrichtenagentur dpa mit.

Demnach haben die Ortskräfte eine Anordnung bekommen, ihre drei "Safe Houses" zu verlassen, sagte der ehemalige Sprachmittler. Zuerst hatte das ZDF-Magazin "Frontal" darüber berichtet.

Der Übersetzer sagte, sie seien gegen Mittag (Ortszeit) aus den Häusern ausgezogen. Es habe Informationen gegeben, dass die Taliban, die ab Sonntagabend (Ortszeit) im Zuge ihrer faktischen Machtübernahme Häuser durchsuchten.

"Keine Möglichkeit mehr, Sie zu retten!"

Deswegen habe der Verwalter des "Safe Houses" gebeten, die Unterkunft so schnell wie möglich zu verlassen. Nun würden die etwa 350 Menschen alle einzeln in Kabul wohnen. "Die deutsche Regierung hat keine Möglichkeit mehr, Sie zu retten", hieß es laut "Frontal". Und weiter: "Verlassen Sie sofort das Safe House!"

Auf Twitter hat die FAZ-Journalistin Livia Gerster ein Video geteilt. Dort ist ein Übersetzer, der unter anderem für die deutsche Spezialeinheit KSK arbeitete, in einem Video zu sehen. Er klagt an:

Wenn die Deutschen uns vor einem Monat oder zumindest vor zwei Wochen gesagt hätten, dass wir euch nicht mitnehmen, dass wir euch nicht helfen, dann hätten wir zumindest nach Pakistan fliehen können. Aber jetzt sitzen wir hier und sind einfach festgenagelt.

"Grausam und furchtbar"

Der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanischer Ortskräfte, Marcus Grotian, bestätigte die Auflösung der sicheren Unterkünfte. "Ich habe die Safe Houses aufgelöst, die nur noch Todesfallen sind", schrieb er auf Facebook. Nur drei Stunden später postete er:

Ortskräfte berichten das vor 30 Minuten Taliban in einem der Safehouses waren, nach den Ortskräften gesucht (haben). Diese waren leer, weil wir vor 4 Stunden die Safehouses aufgelöst haben.

"Es ist grausam und es ist furchtbar", sagte Grotian bei tagesschau24. Die Ortskräfte würden um Hilfe und Rettung betteln. Sie würden hoffen, dass die Taliban sie nicht umbringen. Der bittere Einwand von Grotian: "In Kandahar hat das wohl nur suboptimal funktioniert." Hoffnung sei für ihn keine Operationsplanung, "es ist sehr bitter". Er habe keine Ahnung, wie man die Menschen noch unterstützen könne. Die bislang geplanten Flüge würden zu spät kommen oder zu wenige sein.

Bereits in Vergangenheit Regierung kritisiert

Grotian hatte in der Vergangenheit immer wieder die Bundesregierung für ihren Umgang mit ihren einheimischen Helfern in Afghanistan kritisiert. Diese würden zu langsam aus dem Land geholt.

Die Bundeswehr startete mit Evakuierungsflugzeugen, die neben den Botschaftsmitarbeitern auch andere deutsche Staatsbürger sowie Ortskräfte, die für Bundeswehr oder Bundesministerien in Afghanistan gearbeitet haben oder noch arbeiten, nach Deutschland bringen sollen. Zunächst konnte aber keine Maschine in Kabul landen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. August 2021 um 10:00 Uhr.