Ein russischer Milizionär studiert im März 2020 ein Protestplakat, mit dem der Umweltschützer Wladimir Sliwjak auf die Folgen der Kohle für das Klima und die Menschen hinweist | dpa

Russischer Umweltschützer Sliwjak Aufgeben ist keine Option

Stand: 01.12.2021 18:38 Uhr

Der russische Umweltschützer Sliwjak hat über Jahrzehnte viele umweltgefährdende Projekte verhindert. Dafür erhielt er nun den Alternativen Nobelpreis. Vor staatlichem Druck schützt ihn das nicht.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Die alte Kaliningrader Zellulosefabrik steht noch heute. Wladimir Sliwjak lächelt, als die Handykamera an der bröckelnden roten Backstein-Fassade entlang schwenkt. In tiefen Pfützen spiegeln sich die zerborstenen Fenster.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Mit dieser Fabrik habe Ende der 1980er-Jahre alles angefangen, erklärt der 48-Jährige, der zurzeit von Deutschland aus arbeitet. Sie sei berühmt-berüchtigt gewesen, weil sie ihre Abfälle, darunter auch krebserregende Giftstoffe, ungefiltert in den Fluss geleitet habe. Der Fluss sei so gut wie tot gewesen. Der Gestank in der Stadt unerträglich.

Proteste, die sich bald ausweiten

Wladimir Sliwjak reichte es irgendwann. Er gründete mit ein paar Kommilitonen eine Bewegung, aus der wenig später die Umweltschutzorganisation "Ekosaschita" wurde. Sie begannen, Proteste zu organisieren.

Zehntausend Menschen gingen 1990 in Kaliningrad auf die Straße. So viele wie nie zuvor. Am Ende setzten sie sich tatsächlich durch: die Fabrik wurde geschlossen. Ein Überraschungserfolg, dem erst weitere Initiativen vor Ort, später dann landesweite Aktionen folgten: Erfolgreiche Anti-Kohle-Kampagnen in Sibirien, Proteste gegen Atomkraft und Atommülllieferungen. 

Wladimir Sliwjak protestiert im März 2020 gegen den klimaschädlichen Kohleabbau in Russland. | picture alliance/dpa

Inzwischen kümmert sich "Ekosaschita" um die ganze Breite an Umweltthemen - hier protestiert Wladimir Sliwjak im März 2020 gegen den klimaschädlichen Kohleabbau in Russland. Bild: picture alliance/dpa

Ein Akw wird verhindert

Als es Sliwjak und seiner Organisation 2013 gelang, den Neubau eines Kernkraftwerks bei Kaliningrad zu verhindern, obwohl bereits der Grundstein gelegt worden war, schlugen die Behörden zurück - und erklärten Ekosaschita zum "ausländischen Agenten".

Sliwjak klagte vergeblich gegen die Einstufung. Bis heute weigert sich die Organisation, den stigmatisierenden Titel öffentlich zu tragen, was ihnen Dutzende Verfahren und hohe Bußgelder einbrachte. "Weil wir aber keine kommerzielle Organisation sind, kein Geld verdienen, konnten wir diese Geldstrafen nicht bezahlen", berichtet Sliwjak. Gegen seine Kollegin in Kaliningrad, Alexandra Koroljewa, sei deshalb ein Strafverfahren eingeleitet worden. Sie habe Russland verlassen müssen, um nicht im Gefängnis zu landen.

Die Arbeit in Russland wird fortgesetzt

Auch wenn führende Köpfe der Umweltschutzorganisation inzwischen in Deutschland sind: Es gibt noch immer Aktivisten und Wissenschaftler vor Ort, die die Arbeit von "Ekosaschita" in Russland fortsetzen. Zu ihnen gehört die Geografin Larissa Stantschenko.

Wie Sliwjak hat auch sie sich dem Erhalt der Kurischen Nehrung verschrieben: dem schmalen Landstrich, der Russland und Litauen verbindet. Seit Jahren dokumentiert sie, wie sich das fragile Ökosystem, das zum Welterbe der UNESCO gehört, verändert. "Auf der gesamten Länge des Strandes gibt es mehr als 300 Schneisen in den Dünen. Sie sind selbst auf Satellitenaufnahmen zu sehen."

In der Tat sind die Schäden an den schützenden Vordünen mit bloßem Auge zu erkennen. An manchen Stellen ist der Boden weggesackt. Der Strand ist schmal geworden. Der Wind treibt den Sand immer tiefer in den Wald. Die Kiefern sterben ab. Es müsse dringend etwas für den Erhalt Dünen getan werden, warnen die Umweltschützer. Sonst rücke das Meer immer weiter vor. Die Verwaltung des Nationalparks aber wiegelt inzwischen ab. Sie scheint mehr Interesse an den Einnahmen durch die vielen Touristen zu haben als an Ausgaben für die Natur.

Hoffen auf eine neue Generation

Aufgeben ist aber für die Umweltschützer rund um Wladimir Sliwjak keine Option. Er setzt seine Hoffnungen auf die jüngeren Generationen, von denen er einige selbst mit ausgebildet hat: an Schulen, in Ferienlagern und an der Hochschule für Wirtschaft in Moskau, wo er von 2012 bis 2015 unterrichtete.

Sie hätten ein ganz anderes Verständnis von Klima- und Umweltpolitik als die russische Politik, die zwar von Klimaneutralität spreche - aber dabei eher an den Verkauf von neuen Atomkraftwerken denke als an Möglichkeiten, CO2-Emissionen nachhaltig zu reduzieren.

Das schwimmende Akw "Akademik Lomonossow" fährt 2018 nach Verlassen der Werft durch St. Petersburg (Russland) | picture alliance / Dmitri Lovets

Russland setzt bei der Energieversorgung auch auf die Atomkraft - - zum Beispiel mit dem schwimmenden Akw "Akademik Lomonossow" Bild: picture alliance / Dmitri Lovets

"Profis in der Nutzung kleinster Chancen"

Es fehle an Innovationen, meint Sliwjak. Auch weil die Zivilgesellschaft, die dem Staat Ideen liefern könne, unerwünscht sei und unterdrückt werde. "Aber egal, wie schwierig die Zeiten in Russland gerade sind: Es gibt immer eine Chance. Und wir sind Profis in der Nutzung kleinster Chancen."

Als Chance begreift Sliwjak auch den alternativen Nobelpreis. Er lenke die Aufmerksamkeit auf die großen, ungelösten Umweltprobleme und auf die schwierige Lage der Aktivisten in Russland. Und mit dem Preisgeld ließen sich wunderbar neue Projekte finanzieren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Dezember 2021 um 20:00 Uhr.