In St. Petersburg übermalen städtische Arbeiter ein Wandbild des Kreml-Kritikers Nawalny.

Nawalny-Organisation "Wir müssen weitermachen"

Stand: 17.05.2021 11:35 Uhr

Wird die Organisation des Kreml-Kritikers Nawalny verboten? Der Prozess wurde heute zwar vertagt, doch es gilt als wahrscheinlich, dass die Stiftung zerschlagen wird. Aufgeben wollen Nawalnys Anhänger aber nicht.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

"Ich habe verstanden, dass das Leben nicht mehr so sein wird wie vorher", sagt Andrej Prokudin. Er steht in einem schmucklosen Hinterhof in Twer, einer 425.000-Einwohner-Stadt etwa zwei Autostunden von Moskau entfernt. Der 30-Jährige mit blonden kurzen Haaren zeigt auf ein langgezogenes Kellerfenster - die ehemaligen Büros des jetzt aufgelösten lokalen Nawalny-Büros. Vier Jahre war er dabei, drei davon als deren Leiter - jetzt ist das alles vorbei. "Wir hätten hier nicht bleiben können. Nach einiger Zeit würde uns Strafverfolgung drohen, mit möglichen sechs bis zehn Jahren Gefängnis."

Demian von Osten ARD-Studio Moskau

Schon vor dem heutigen Prozessbeginn hatte Nawalnys Organisationschef Leonid Wolkow die regionalen Büros schließen lassen, um Mitarbeiter auch wie Prokudin in Twer zu schützen. Denn über den Ausgang des heute beginnenden Prozesses gibt es kaum Zweifel: Die Staatsanwaltschaft will Nawalnys 2011 gegründete Antikorruptionsorganisation FBK und auch die landesweiten regionalen Nawalny-Büros als extremistisch verbieten lassen. Letztere waren während Nawalnys Kampagne für die Präsidentschaftswahl 2018 entstanden, zu der er nicht zugelassen wurde.

Lokaler Korruption auf der Spur

In Twer haben sie nicht nur ein Büro mit Sprechstunden für Bürger gehabt. Das kleine Nawalny-Team aus etwa 25 Leuten klopfte regionalen Abgeordneten der Regierungsparteien auf die Finger, wenn sie auf ihren privaten Grundstücken gegen Umweltschutzrichtlinien verstießen. Wie Nawalny drehten sie (in kleinem Stil) Enthüllungsvideos über lokale Korruptionsfälle.

Und sie organisierten Proteste für den Kreml-Kritiker, wie auch dieses Jahr im Januar. Es kamen einige Tausend Menschen - für die kleine Industriestadt Twer ist das eine ganze Menge.

Jetzt steht all das vor dem Aus. Proteste erwartet Prokudin in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht mehr, auch Nawalnys Organisationschef Wolkow schrieb vergangene Woche, man wolle zu Protesten nur noch spontan aufrufen.

Viele lehnen Nawalny ab

Die Unterstützung unter Russlands Bevölkerung für die Nawalny-Proteste ist außerdem gesunken. Laut einer Umfrage des renommierten Lewada-Zentrums beurteilt nur jeder sechste Befragte die jüngsten Proteste im April als positiv. Im Januar war es noch jeder Fünfte. Fast 40 Prozent der Russen sehen demnach Proteste für Nawalny negativ.

Die Skepsis gegenüber Nawalny macht sich auch auf den Straßen von Twer bemerkbar. "Nawalny ist nicht mein Held", sagt eine Frau Mitte 40 und zieht weiter. "Wer ist bitte Nawalny?!", empört sich Wladimir auf der Uferpromenade in Twer. "Bei uns gibt es keine Unterstützung für Nawalny, Nawalny ist für uns ein Niemand", schimpft der Mann Mitte 50.

Kein Thema für die staatlichen Sender

Die staatlichen Fernsehsender Russlands stellen Nawalny seit jeher in schlechtem Licht dar und geben ihm und seinen Anhängern keine Sendefläche. Andrej Prokudin, der Leiter des jetzt aufgelösten lokalen Nawalny-Büros, sagt, er wolle dennoch weitermachen, aber es werde sehr viel schwerer. "Wir werden nicht mehr wie früher Unterstützung aus Moskau bekommen. Es bedeutet, dass wir aktiven Leute in Twer und der Region hier auf uns alleine gestellt sind, nur mit Unterstützung unserer Anhänger hier in der Region."

Denn Nawalnys Organisation bekommt keine staatliche Unterstützung, sondern finanziert sich aus Spenden und Förderern. "Es gab ein einheitliches Finanzierungssystem", erklärt Prokudin. "Menschen aus dem ganzen Land haben die Nawalny-Stäbe finanziert, und danach wurde das auf die Regionen verteilt."

Ein Großteil der Spenden kam allerdings von Bürgern aus Moskau und St. Petersburg, - da, wo in Russland die meisten Menschen und die reichsten leben. Wenn jetzt die einheitliche Organisation wegfällt, leiden vor allem die ehemaligen Nawalny-Aktivisten in den kleinen Städten wie Twer.

Gewöhnt an Druck

Dabei haben sie sich an Druck schon vorher gewöhnen müssen. Bei einem Kampagnentraining in ihren Büros warf ein Unbekannter eine Rauchbombe in den Flur - eine Überwachungskamera filmte den vermummten Mann. Polizei und Feuerwehr kamen, doch auch nach Monaten konnte der Übeltäter nicht ermittelt werden.

Trotzdem will Prokudin nicht nur das Negative sehen. "Für die Organisation Nawalnys ist es vernichtender Schlag. Aber für die Idee, die Nawalny vorangebracht und verteidigt hat, ist es eine Art Verwandlung", sagt Prokudin. Er sieht den massiven Widerstand auch als Beweis dafür, dass ihre Arbeit richtig ist. "Wir wussten, dass die Machthaber sich uns widersetzen würde. Das ist eine neue Herausforderung. Wir verstehen aber, dass es ein Signal dafür ist, dass die Machthaber wirklich Angst vor uns haben. Das heißt, dass wir weiter machen müssen."

Das Nawalny-Team in Twer | Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Bedrohungen und Angriffe kennen sie - die Mitglieder des Nawalny-Teams in Twer. Bild: Demian von Osten, ARD-Studio Moskau

Andere Bedingungen, andere Formen

Prokudin blickt optimistisch in die Zukunft. In Twer möchte er eine Nichtregierungsorganisation gründen, vielleicht ein kleines Recherchemedium, das Korruptionsskandale enthüllt. "Das Putin-Regime ist nicht unendlich und wir nähern uns seinem Ende", glaubt Prokudin. Deswegen will er weitermachen - trotz der Risiken.

Aus seinen Ambitionen für die kommenden Regionalwahlen wird allerdings wohl nichts: Eine andere Partei hat schon abgelehnt, ihn als Kandidaten aufzustellen - offenbar aus Angst, auch in den Strudel der Zerschlagung der Nawalny-Organisationen in Russland zu geraten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2021 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Olivia59 17.05.2021 • 21:57 Uhr

@19:46 von Nachfragerin

"Da wird wohl eher gar nichts gesehen. Der Hype um Nawalny findet außerhalb Russlands statt. Im Land hat man wahrscheinlich andere Sorgen." Die Sorge bzgl. Putins Nachfolge geht sicher schon im Land um. Doch glaube ich nicht, das die Russen ihr Land wie anderswo irgendwelchen Komikern (Ukraine) oder Populisten wie Navalny überantworten wollen. Das was er da an Material und Behauptungen als "Korruptionsbekämpfung" abliefert würde den Standards von Investigativjournalisten nicht genügen und auch sonst ist bei ihm von Kompetenz in den Niederungen der Sachpolitik nicht viel zu sehen – populistentypisch halt, und wenn´s drauf ankommt holt er die Zustimmung auch ganz von rechtsm wie in der Vergangenheit.