Gasförderung vor Sachalin (Russland) | picture alliance / dpa

Russlands Klimaziele Die Last der billigen Energie

Stand: 02.11.2021 15:19 Uhr

Russlands Präsident Putin fehlt beim Klimagipfel. Erst 2060 werde sein Land die CO2-Neutralität anstreben, sagte er kürzlich. Umweltschützern geht das viel zu langsam. Doch ausgerechnet der Reichtum bremst den notwendigen Wandel.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau

Lange hatte sich Russlands Präsident Wladimir Putin nicht auf bestimmte Klimaziele festlegen wollen. Vor ein paar Wochen nannte er ein konkretes Datum: Bis "spätestens 2060" strebe Russland eine CO2-Neutralität seiner Wirtschaft an.

Stephan Laack

Putin hatte zuvor davor gewarnt, dass die Klimapolitik vieler westlicher Länder mit drastischen Maßnahmen und unausgewogenen Entscheidungen zu Hysterie an Europas Energiemärkten führe. Es müsse einen sanften Übergang hin zu klimafreundlichen Energien geben.

Auch sollte die "Klimaagenda nicht zu einem Instrument werden, um die wirtschaftlichen und politischen Interessen einzelner Länder zu fördern", sagte Putin. Vielmehr müsse man gemeinsam "verständliche, faire und transparente Regeln für die Klimaregulierung schaffen, die auf globaler Ebene funktionieren".

Die UN fordern mehr Tempo

Nach einem alarmierenden UN-Bericht aus der vergangenen Woche allerdings müssten die Staaten ihre Klimaschutzbemühungen versiebenfachen, um das Ziel der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu erreichen, wie dies im Pariser Klimaabkommen festgelegt wurde.

Und Russland ist von den Folgen der Klimaerwärmung schon jetzt besonders stark betroffen, wie Wassilij Jablokow von Greenpeace Russland erklärt. "Die Erwärmung schreitet hier viel schneller voran als in der restlichen Welt: 2,8-mal so schnell."

Die Katastrophen kommen immer schneller

Das Auftauen des Permafrosts in den arktischen Regionen Russlands, katastrophale Brände in Sibirien oder Überschwemmungen: Die Abstände zwischen den Katastrophen werden immer kürzer, die Schäden immer größer.

Um schnell gegenzusteuern, müsse man im Bereich Energie ansetzen, sagt Greenpeace-Experte Jablokow. Vor allem die schlechte Energieeffizienz sei ein großes Problem. Wärmedämmung oder Thermostate an Heizungen: Fehlanzeige. Dazu kommen marode Gasleitungen und ineffiziente Gasförderung

Wir beheizen die Straßen, wir verlieren Energie in den Netzen. Schon jetzt könnten die Emissionen deutlich reduziert werden, wenn wir die Effizienz unseres Energiesektors steigern.

Es mangelt am politischen Willen

Doch dazu fehlt anscheinend der politische Wille, auch wenn Unsummen verloren gehen. Erst kürzlich wurden in Nischni Nowgorod durch ein Leck in einer Leitung 164 Tonnen Methan pro Stunde freigesetzt. Nach Einschätzungen von Experten sind dadurch so viele klimaschädliche Emissionen freigesetzt worden, wie 8000 Autos in einem Jahr verursachen. 

Laut einer aktuellen Prognose der Außenhandelsbank VEB könnten in der russischen Wirtschaft durch Modernisierungen, etwa im Bauwesen und im Bereich der Gasaufbereitung, jährlich die CO2 Emissionen um 200 Millionen Tonnen reduziert werden. Bis 2050 könnten so umgerechnet 13,5 Milliarden Euro eingespart werden.

Ein Haus in Jakutsk (Rusland) zeigt Risse auf, weil es durch den tauenden Permafrost an Halt verliert. | AFP

Der tauende Permafrost gefährdet auch Häuser wie in Yakutsk - zugleich verliert das Land zu viel Energie zu marode Leitungen. Bild: AFP

Kein Anreiz für Modernisierungen

Witalij Kazakow, Direktor des Programms Energiewirtschaft an der russischen Wirtschaftsschule in Moskau, sagt, es fehle der wirtschaftliche Anreiz, Modernisierungen im großen Stil durchzuführen. Energie sei in Russland viel günstiger als im Ausland. Deshalb würden moderne Technologien aus Sicht der Verbraucher keinen Sinn ergeben. Erst wenn der Energiepreis steige, lohnten sich Energieeffizienzlösungen tatsächlich.

Und schließlich sei die Förderung fossiler Energien wie Öl und Gas für den russischen Haushalt von essentieller Bedeutung. Er bestimme mehr als die Hälfte der Einnahmen. Niemand werde diesen Sektor "aus irgendwelchen kurzlebigen Gründen" aufgeben.

 

 

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Oktober 2021 um 06:05 Uhr.