Roman Dobrochotow | ARD-Studio Moskau

Russischer Investigativjournalist Razzia bei Dobrochotow

Stand: 28.07.2021 11:59 Uhr

In Russland hat die Polizei die Wohnung des Investigativjournalisten Dobrochotow durchsucht. Seine Nachrichtenseite "The Insider" wurde erst kürzlich als 16. unabhängiges Medium zum "ausländischen Agenten" erklärt.

Die Behörden in Russland gehen weiter gegen unabhängige Journalisten vor. Betroffen ist diesmal Roman Dobrochotow, Chefredakteur der Nachrichtenwebseite "The Insider". Das Justizministerium hatte sie in der vergangenen Woche als 16. unabhängige Medienplattform zum "ausländischen Agenten" erklärt.

"Die Polizei klopft an"

Kurz vor der Durchsuchung twitterte der Dobrochotow: "Sieht so aus, als wäre es eine Razzia. Die Polizei klopft an". Nur wenige Minuten später veröffentlichte er in einem weiteren Tweet seine Adresse, um in einer dritten Nachricht um Rechtsbeistand zu bitten. "Ein Anwalt könnte nicht schaden", schrieb Dobrochotow.

Die Gruppe OVD-Info, eine Rechtshilfsgruppe, die politische Verhaftungen beobachtet, teilte mit, Dobrochotows Frau habe zudem die Hotline der Organisation angerufen und eine Polizeirazzia gemeldet. Dann sei sie plötzlich nicht mehr erreichbar gewesen. Ein Anwalt sei zu der Wohnung unterwegs, ergänzte OVD-Info.

Klage eines niederländischen Bloggers

"The Insider" weist auf Twitter auf eine Verleumdungsklage gegen Dobrochotow hin, die der niederländische Blogger Max van der Werff im Januar eingereicht hatte. Sie geht auf einen Bericht von "The Insider" zurück, wonach der russische Militärgeheimdienst GRU ausländische Medienschaffende bei der Verbreitung von Desinformation über den Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine unterstütze.

Van der Werffs Anwalt bestätigte der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti, dass die polizeilichen Durchsuchungen im Zusammenhang mit der Klage stehen und dass van der Werff Dobrochotow persönlich verklagt hat. Die Moskauer Polizei habe im April ein Strafverfahren wegen Verleumdung eingeleitet, so "The Insider". Durchsuchungen würden auch bei Verwandten Dobrochotows durchgeführt.

Nach Angaben einer weiteren Rechtshilfegruppe beschlagnahmte die Polizei bei der Razzia Handys, Laptops und Tablets sowie den internationalen Reisepass von Dobrochotow. Er wollte nach Angaben von Kollegen im Laufe des Tages zu einer Recherchereise ins Ausland aufbrechen.

Hartes Vorgehen gegen unabhängige Medien

Die 2013 gegründete Website arbeitet mit der internationalen Rechercheplattform "Bellingcat" zusammen. "The Insider" lieferte Informationen unter anderem zu MH17, zu den Giftanschlägen auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny und den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal sowie zum Mord an einem tschetschenischstämmigen Georgier im Berliner Kleinen Tiergarten. "The Insider" erhielt für seine Investigativarbeit zahlreiche Preise, darunter den Henri-Nannen-Preis und den "Free Media Award" der Zeit-Stiftung und der norwegischen Fritt-Ord-Stiftung.

Medien werden als "ausländische Agenten" eingestuft, wenn es die Behörden als erwiesen ansehen, dass sie Geld aus dem Ausland erhalten und sich an Aktivitäten beteiligen, die im weitesten Sinne als politisch beschrieben werden. Betroffene müssen zusätzliche staatliche Kontrollen und eine öffentliche Herabsetzung hinnehmen. Russen, die für "unerwünschte" Organisationen arbeiten, drohen Geld- oder Haftstrafen.

Vor der Parlamentswahl im September erhöhen russische Behörden den Druck auf die Opposition und unabhängige Medien stetig. Der Urnengang gilt als wichtiger Stimmungstest für die Bemühungen von Wladimir Putin, vor der Präsidentschaftswahl 2024 seine Macht zu festigen.