Eine Ampulle mit dem Impfstoff Sputnik V | dpa

Kommerzielle Reisen Für 1999 Euro zum Impfen nach Moskau

Stand: 16.04.2021 20:46 Uhr

Impfen ist auch ein Geschäft. Ein Reiseveranstalter organisiert nun Reisen nach Russland, wo das Vakzin Sputnik V gespritzt wird. Die Teilnehmer einer ersten Reisegruppe freuen sich über den erkauften Schutz und wehren sich gegen Kritik.

Von Mirco Seekamp, NDR

Heinz-Gerd Pinkernell will nicht noch Monate warten. "In Deutschland sagt der Impfrechner im Internet, dass ich irgendwann vielleicht zum Ende des Jahres drankomme. Im Ausland komme ich unmittelbar dran", sagt der Hamburger Anwalt. Seine Frau und er wünschten sich Gesundheitsschutz und ihre alten Freiheiten zurück, denn: "Nicht in den Urlaub fahren zu können und nicht essen gehen zu können: Das bedeutet im Endeffekt, keinen Ausgleich zu haben." Eine Impfreise nach Russland soll das ändern.

Im Internet hatte das Ehepaar Pinkernell das Pauschalangebot eines norwegischen Reiseveranstalters für 1999 Euro entdeckt. Mit dabei: zwei Hin- und Rückflüge im dreiwöchigen Abstand für beide Impfungen und Hotelübernachtungen mit Frühstück. Zuerst war Pinkernell skeptisch: "Um ehrlich zu sein, habe ich nicht damit gerechnet, dass da eine Reaktion kommt."

Doch nach einigen Verzögerungen können Pinkernell und seine aus Russland stammende Ehefrau von Frankfurt nach Moskau fliegen. In der russischen Hauptstadt warten einige russische und deutsche Kamerateams auf die ersten Impfwilligen aus Deutschland.

Werbung für die Impfkampagne

Der russische Sender NTV strahlt noch am Abend der Ankunft einen Fernsehbeitrag mit dem Ehepaar Pinkernell aus, in dem der Impfstoff bei der eigenen Bevölkerung angepriesen wurde. "Wir rufen alle Zuschauer von NTV auf, sich auch impfen zu lassen, um sich vor dem Coronavirus zu schützen", wandte sich die Sprecherin an die skeptische Bevölkerung.

Die Impfung selbst findet in einem Hotel statt, wo eine Moskauer Privatklinik ein mobiles Impfzentrum aufgebaut hat. Pinkernell ist zunächst irritiert: "Wir haben gestern erst erfahren, dass es in einem Hotel stattfindet und nicht in der Klinik." Aber dann ist er doch zufrieden: "Der Piks ging sehr, sehr schnell. Ging ganz locker vonstatten, es war eine angenehme Atmosphäre." Nach der Impfung besichtigt das Paar einen Park am Kreml, geht einkaufen und essen - ein Vorgeschmack auf die lang ersehnten Freiheiten.

Impfstoff ohne EU-Zulassung

Allerdings: In Deutschland ändert sich für das Ehepaar wenig. Zwar hat Gesundheitsminister Jens Spahn Erleichterungen in Testpflichten und Quarantäneregeln angekündigt, jedoch ist der Impfstoff in der EU noch nicht zugelassen.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, sagt: "Wir haben bislang keine Originaldaten der Hersteller von Sputnik V gesehen. Diese Daten liegen bei der EMA und werden dort im Augenblick analysiert und bewertet" Allerdings gibt es bereits die Studie einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften. "In der Lancet-Publikation sahen die Daten gut aus, sogar sehr gut aus,", so Mertens.

Das Schutzniveau des Impfstoffes lag bei 91,6 Prozent und erreichte damit ähnliche Werte wie die beiden mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer und Moderna. Jedoch soll die Wirksamkeit der Impfdosen von Sputnik V schwanken. Die slowakische Arzneimittelagentur stellte kürzlich fest, dass die Impfstoffdosen ihrer Lieferung nicht dieselbe Wirksamkeit hätte, wie sie Sputnik V von der Fachzeitschrift "The Lancet" bescheinigt wurde.

Kritik aus der Politik

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnet die Impfreisen als "unethisch". Denn Impfreisende "gefährden schon bei der Reise sich und andere". Darüber hinaus kritisiert er: "Es kann nicht darum gehen, dass man sich den Impfstoff erkauft, obwohl man ihn noch nicht braucht und in der Impfreihenfolge noch nicht dran ist." Denn weltweit würden etwa fünf Milliarden Menschen am Ende des Jahres noch gar keinen Impfstoff haben.

Der Reiseveranstalter sieht in den vielen Ungeimpften bis Jahresende potenzielle Kunden. "Wenn das so ist, dann ist unser Geschäftsmodell wohl doch noch länger als sechs Monate durchführbar. Aber es soll doch jeder froh sein, wenn wir in Deutschland helfen, dass einer mehr geimpft ist", sagt Marketingdirektor Albert Sigl von World Visitor AS. Sein Unternehmen hat aktuell 600 feste Anmeldungen und plant, das Angebot auszuweiten.

Die Kritik, dass die Impfreise unethisch sei, akzeptiert auch Pinkernell nicht: "Wo kann das denn unethisch sein, wenn jemand, der die Möglichkeit hat, die eigene Initiative ergreift?" Er nehme damit in Deutschland keinem den Impfstoff weg. Eines aber beunruhigt ihn: Kann die Reise zur zweiten Spritze tatsächlich stattfinden - oder wird es neue Vorschriften im Lockdown geben? "Was ändert sich an welcher Stelle? Darf ich reisen, darf ich nicht reisen? Alles ein bisschen unberechenbar im Moment", sagt er. Vorerst aber überwiegt die Erleichterung. Und die Freude über ein paar Tage in Moskau ohne Einschränkungen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. April 2021 um 21:45 Uhr.