Manizha Dalerovna Sangin | AFP

Sängerin Manizha beim ESC "Sie hat das Recht, Russland zu vertreten"

Stand: 18.05.2021 13:04 Uhr

Dass Manizha für Russland beim ESC antritt, gefällt nicht allen im Land: Konservative und Orthodoxe giften gegen die Sängerin, die das klassische Frauenbild infrage stellt - und für alle Russinnen sprechen will.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

"Wozu warten? Steh auf und geh los!": Wenn Manizha diese Zeile singt, verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Ihr Blick wird entschlossener, ihr Lächeln noch selbstbewusster. Mit sicheren Schritten erobert sie die Bühne, ein zum Turban gebundenes Tuch schmückt ihren Kopf. Auf dem Rücken ihres pinkfarbenen Overalls steht der englische Titel ihres Songs - in kyrillischen Buchstaben: "Russian woman" - "russische Frau".

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

"Noch vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, mit einem solchen Lied, einem solchen Manifest einer russischen Frau zum Eurovision Song Contest zu fahren. Ich bin sehr stolz darauf, dass das geschieht", gesteht die 29-Jährige wenige Tage vor ihrer Abreise nach Rotterdam.

Denn das, was sie auf der Bühne präsentiert, ist eine Kampfansage an das althergebrachte und oft klischeebehaftete Frauenbild in Russland. Und ein Appell an alle Frauen, für ihren Platz in der Gesellschaft einzustehen.

"Glauben Sie mir, wir haben über vieles geschwiegen - nicht aus Angst oder weil wir uns als Opfer sahen. Vielmehr haben wir uns als Heldinnen verstanden: Ich schweige zum Wohle der Freude und der Freiheit eines anderen Menschen. Denn ich bin stark und kann das ertragen", sagt sie. "Aber das ändert sich jetzt zum Besseren - es gibt viele offene Dialoge. Viele sprechende Köpfe."

Manizha Dalerovna Sangin | AFP

Manizha äußert sich zu vielen gesellschaftlichen Themen - das ruft auch Widerspruch hervor. Bild: AFP

Engagement, das manchen missfällt

Auch jenseits der Bühne kämpft Manizha - gegen häusliche Gewalt und für die Rechte Homosexueller. Und das gefällt nicht jedem. Nachdem sie im März den nationalen Endausscheid gewonnen hatte und offiziell als Vertreterin Russlands beim Eurovision Song Contest nominiert wurde, liefen orthodoxe Christen und konservative Politiker Sturm. Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrats, wetterte: "Absurdes Theater ist das, völliger Schwachsinn. Ich weiß überhaupt nicht, was das soll."

Hinzu kommt, dass Manizha Sangin, wie sie mit vollem Namen heißt, gebürtig gar nicht aus Russland stammt, sondern aus Tadschikistan. In den 1990er-Jahren war ihre Familie vor dem Bürgerkrieg von Duschanbe nach Moskau geflüchtet.

Auf Kritik eine einfache Antwort

Dass ausgerechnet sie nun über die russische Frau singt, sorgte in der Öffentlichkeit für zusätzliche Kritik. Manizha aber hat darauf eine ganz einfache Antwort: "Ich bin die 'Russian Woman' - eine russische Frau. Wir sind ganz verschieden. Und wahrscheinlich verwirrt das einige Leute, aber Russland ist ein multinationales Land. Ich bin der Beweis. In unserem Land gibt es viele Menschen wie mich."

Diese Vielfalt soll nun auch Manizhas Bühnen-Outfit beim ESC repräsentieren. Ein voluminöses Kleid, zusammengenäht aus rund 40 Stoffen aus den verschiedensten Regionen Russlands. Manizhas Mutter, Nadzhiba Usmanowa, sagt, die Stoffe kämen von Frauen aus ganz unterschiedlichen Gegenden des Landes - all das hätten sie in einem Kostüm vereint: "Es ist ein Stück Russland. Und sie hat das Recht, Russland zu vertreten."

Schon als Teenager im Pop-Business

Bereits mit acht Jahren fing Manizha an, ihre eigene Musik zu machen. Mit elf habe sie ihren ersten Song auf Englisch geschrieben. Als Teenager war sie Teil eines großen russischen Pop-Projekts, verdiente, wie sie sagt, gutes Geld, stieg aber aus, weil sie dort nicht sie selbst sein, nicht ihre Botschaft mit ihrer Art von Musik rüberbringen konnte.

Wenn wir dramatisch über ein Problem wie zum Beispiel das Patriarchat sprechen, sagt Manizha, dann wolle das keiner hören. "Dann nennen sie mich eine überengagierte Feministin. Aber wenn ich es mit Selbstironie mache, dann lachen sie darüber. Und das Lachen hilft auch, den Schmerz zu verarbeiten. Denn der Schmerz ist da."

Populär durchs Internet

Ihre Mutter, die allein fünf Kinder zu versorgen hatte, habe sie immer unterstützt, sie ist heute ihre Managerin. Manizha bezeichnet sich selbst als unabhängige Künstlerin. Ihre Karriere hat sie vor allem dem Internet und den sozialen Medien zu verdanken. Hier sind ihre Fans. Hier findet sich breite Unterstützung für die Ausnahmekünstlerin. Und was ihre Kritiker angeht, bleibt Manizha erst einmal entspannt.

"Die Leute rollen mit den Augen, sind schockiert und sagen: 'Manizha? Eine 'Russian Woman'? Geben sie den Menschen Zeit - schon bald werden sie sagen: 'Ja, Manizha ist eine 'Russian Woman' - eine russische Frau."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Mai 2021 um 22:15 Uhr.