Ein Impfzentrum im "Gostinyi Dwor" am Roten Platz in Moskau. | AFP

Delta-Variante in Russland Keine Impfung, kein Gehalt

Stand: 08.07.2021 04:48 Uhr

Die Ansteckungsraten in Russlands Metropolen schießen in die Höhe, die Impfquote hält nicht Schritt. Der Staat reagiert mit Zwang: Verkäufer, Kellner, Beamte und Dozenten müssen sich impfen lassen - oder werden unbezahlt "freigestellt".

Von Jo Angerer, ARD-Studio Moskau

Die Eröffnung des größten Impfzentrums Russlands in Moskau durch Bürgermeister Sergej Sobjanin war ein Festakt: Seit dem 1. Juli können dort bis zu 6000 Menschen täglich geimpft werden. Und dies ist auch nötig: Bislang lief die Impfkampagne schleppend - und die Delta-Variante hat das Land fest im Griff. Täglich gibt es mehr als 20.000 Neuinfektionen in Russland, ein Viertel davon allein in Moskau. Und auch die Zahl der Covid-Toten ist gestiegen, einige Hundert sind es Tag für Tag in Russland.

Jo Angerer ARD-Studio Moskau

Wie in Moskau sind auch in Sankt Petersburg die Corona-Zahlen zurzeit enorm hoch. Täglich sterben hier mehr als 100 Menschen an der Krankheit. Neben Moskau ist die Stadt der Hotspot in Russland. Experten befürchten, dass die Infektionszahlen durch die Fußballspiele der Europameisterschaft noch mehr steigen werden. "Alles hängt davon ab, wie die Fans die Regeln befolgen", sagte der Petersburger Epidemiologe Anton Bartschuk vor dem letzten Spiel in der Stadt. "Wir haben hier die Delta-Variante. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass einige an dem Virus erkranken werden."

Doch im Stadion und in der Fanzone feierten die Menschen, dicht gedrängt, viele ohne Maske. Die Folgen sah man nach den beiden Spielen der finnischen Mannschaft. 4500 Fans waren angereist, knapp 400 infizierten sich. Kurz darauf führte das finnische Gesundheitsministerium 40 Prozent der Neuinfektionen auf die Russland-Rückkehrer zurück.

Tiefes Misstrauen gegen Impfstoffe

Russland hat vier Corona-Impfstoffe - alle Eigenentwicklungen, am meisten verbreitet ist Sputnik V. Obwohl man früh - viele sagen: zu früh - mit der Massenimpfung begonnen hatte, haben russlandweit bislang nur knapp 17 Prozent der Menschen die ersten Impfung erhalten. Das liegt sicherlich auch an Lieferengpässen und Transportschwierigkeiten in den Regionen: In Dagestan sind nur rund fünf Prozent erstgeimpft, in der Metropole Moskau dagegen 24 Prozent.

Der Hauptgrund für die schleppende Impfung ist aber die Skepsis der Bevölkerung. Zum einen gibt es allerlei Verschwörungstheorien: Durch die Impfung würde man krank, bekomme Krebs, werde unfruchtbar und zeugungsunfähig. Auch die Theorie vom Nanochip, implantiert durch die Impfung, geistert in Russland durchs Netz. Viel wesentlicher ist aber das tiefe Misstrauen der Menschen gegenüber Impfstoffen, die die Regierung empfiehlt. Laut einer aktuellen Umfrage des renommierten Lewada-Instituts wollen sich 54 Prozent aller Menschen in Russland nicht impfen lassen. 57 Prozent haben keine Angst, sich anzustecken.

Russische Fußballfans vor dem EM-Fußballspiel in Sankt Petersburg - kaum jemand von ihnen trägt Maske. | AFP

Russische Fahnen und kaum jemand mit Maske: Die EM-Spiele in Sankt Petersburg wurden zum Superspreader-Event. Bild: AFP

Sputniks Nebenwirkungen sind gut untersucht

Viel Skepsis gegenüber Sputnik V, die unbegründet ist, glaubt man internationalen Studien. Britische Forscher attestierten dem Vakzin eine mehr als 90-prozentige Schutzwirkung. Das allerdings war vor der Delta-Variante. Auch gegen diese schützt Sputnik, allerdings dürfte die Wirkung geringer sein. "Alle russischen Vakzine sind wirksam gegen die neue Covid-Variante Delta", sagt Dmitrij Lisowetz vom Gesundheitsamt in Sankt Petersburg. "Die Wirksamkeit der russischen Impfstoffe wird durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt." Diese allerdings sind bislang nicht veröffentlicht.

Besser, aber längst noch nicht ausreichend erforscht sind die Nebenwirkungen von Sputnik V. Sputnik ist ein Vektor-Impfstoff, ähnlich der Wirkweise von AstraZeneca oder Johnson&Johnson. Die Zeitschrift "Nature" zitiert eine Preprint-Studie des Italienischen Krankenhauses in Buenos Aires. Bei 683 Mitarbeitern dort, die mit Sputnik V geimpft wurden, seien keine Nebenwirkungen aufgetreten, die die Blutgerinnung betreffen. Wegen dieser - sehr seltenen - Nebenwirkung, die zur Thrombosen im Gehirn führen kann, waren Vektor-Impfstoffe zwischenzeitlich umstritten. In Brasilien, so zitiert "Nature" eine weitere Studie, gab es nach 2,8 Millionen Impfungen mit Sputnik V keine Todesfälle und zumeist nur milde Nebenwirkungen.

Vereinfachte Wiedereinreise für Urlauber

Russland jedenfalls setzt auf Sputnik V. In einigen Regionen wurden jetzt Pflichtimpfungen angeordnet. In Moskau müssen sich Angestellte in Gastronomie, Handel und im öffentlichen Dienst impfen lassen. Und 60 Prozent der Angestellten in Betrieben müssen geimpft sein. Wer sich weigert, der wird "freigestellt" - ohne Gehalt. Die Innenbereiche von Restaurants und Cafés dürfen nur noch Geimpfte, Genesene oder Leute mit negativem PCR-Test besuchen. Die Gastronomie beklagt deshalb starke Umsatzrückgänge. Und in der Schwarzmeer-Region Krasnodar, zu der auch das Massentourismus-Ziel Sotschi gehört, dürfen ab August nur noch Geimpfte und Genesene Urlaub machen.

Jüngster Bonus für Geimpfte: Rückkehrer aus dem Ausland, die das Zertifikat haben, brauchen bei der Einreise keinen PCR-Test mehr. Das wird die vielen Tausend Menschen freuen, die Urlaub in der Türkei machen wollen. Das Land zählt zu den Lieblingszielen russischer Touristen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30.06 2021 um 21:00 Uhr.