Eine Frau bekommt eine Corona-Impfung in einem mobilen Impfzentrum in der Nähe von Moskau. | REUTERS

Russische Corona-Impfkampagne Trügerische Sicherheit

Stand: 01.06.2021 03:21 Uhr

Sputnik V war der erste Corona-Impfstoff weltweit - entsprechend früh lief die russische Impfkampagne an. Zuletzt geriet sie allerdings ins Stocken. Gleichzeitig steigen die Infektionszahlen wieder.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zzt. Köln

In russischen Fernsehspots und selbst in der Moskauer Metro wird immer eindringlicher dazu aufgerufen, sich gegen Corona impfen zu lassen. Russland, das als erstes Land der Welt mit Sputnik V eine breit angelegte Impfkampagne gestartet hatte, hinkt im weltweiten Vergleich mittlerweile hinterher: Elf Prozent der Bevölkerung sind einmal geimpft, rund zehn Prozent nach Angaben des Gamalei-Instituts vollständig. Das selbstgesteckte Ziel bis zum Herbst eine Herdenimmunität zu erreichen und 60 Prozent der Bevölkerung zu impfen, ist so kaum zu erreichen - zumal das Impftempo sich verlangsamt.

Stephan Laack

Beim Impfen zurückgefallen

"Ich möchte Sie daran erinnern, dass der Höchststand im April bei 190.000 Erstimpfungen pro Tag lag. Jetzt sind die Zahlen deutlich gesunken und liegen irgendwo bei 130.000 Erstimpfungen täglich", mahnt Professor Krjutschkow, Immunologe und Chef eines Diagnoselabors. Für ihn steht außer Frage, dass einerseits die weit verbreitete Impfskepsis seiner Landsleute und andererseits ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, die falsche Wahrnehmung, dass Corona bereits überwunden sei, die Kampagne ins Stocken gebracht hat.

Und so platzte dem Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin unlängst der Kragen. In ungewohnter Deutlichkeit rief er die Hauptstädter auf, sich impfen zu lassen: "Es ist eine Schande! Wir haben seit einem halben Jahr ausreichend Impfstoff. Wir waren die ersten weltweit, die eine kostenlose Impfkampagne gestartet haben. Die erste Stadt, die Massenimpfungen angekündigt hat. Und nun? Der Prozentsatz der geimpften Menschen in Moskau ist geringer als in jeder anderen europäischen Stadt."

Zuletzt wieder steigende Infektionszahlen

Gerade in der russischen Hauptstadt ist die Zahl der Corona-Infizierten zuletzt wieder deutlich gestiegen. Sobjanin nennt als Grund dafür die zurückliegenden Maifeiertage. Wahrscheinlich liegt es auch daran , dass es im öffentlichen Leben derzeit kaum Einschränkungen gibt. Offiziell infizieren sich landesweit zwischen 9000 und 10.000 Menschen täglich mit Corona. Die Zahl der Toten nimmt zu - teilweise liegt sie schon wieder bei 400 am Tag.

Immunologe Krjutschkow hat seine Zweifel, ob die offiziellen Angaben korrekt sind. "Wenn sie genau zählen würden wie Ende Dezember, dann hätten wir wahrscheinlich zwischen 17.000 und 18.000 Infizierte pro Tag."

Mutanten breiten sich aus

Und noch etwas müsste eigentlich Sorge bereiten. Die weitaus ansteckenderen Corona-Mutanten aus Indien, Großbritannien oder Südafrika breiten sich langsam aus.

Für Anna Popowa, Leiterin der obersten russischen Gesundheitsbehörde, ist das allerdings noch kein Grund zur Unruhe. "Was die neuen Stämme angeht, so wächst die Zahl derer, die sich damit infiziert haben. 550 haben den britischen Stamm, ein Dutzend den südafrikanischen und ein Dutzend den indischen Stamm. Aber das ist ganz normal."

Impfstoff nicht verfügbar?

Auch die Situationen in den Regionen Russlands scheint aus dem Blick zu geraten zu sein. Immer wieder gibt es Berichte, dass Impfstoff oftmals gar nicht verfügbar sei. Aktuelle offizielle Zahlen dazu gibt es nicht. Die Produktion des Impfstoffs Sputnik V liegt anscheinend bislang weit hinter dem erklärten Ziel von bis zu einer Milliarde Dosen zurück. 33 Millionen Dosen sollen nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters produziert worden sein.

Experten wie der Immunologe Krjutschkow befürchten, dass die Zahl der Impfungen weiter sinken wird. Eine Impfung weiter Teile der Bevölkerung, wie in den USA oder Großbritannien, werde es in Russland wohl nicht geben, meint Krjutschkow. "Vor allem ist es nicht möglich, den evolutionären Pandemie-Infektionsprozess in einen saisonalen Infektionsprozess umzuwandeln", so der Immunologe.

Doch eventuell könnten Vergünstigungen für Geimpfte beim Reisen doch noch einen Anreiz zum Impfen geben, so die Hoffnung. Griechenland hat bereits signalisiert, dass es Sputnik V als Impfstoff anerkennen wird. Und ein Urlaub an der Ägäis steht bei vielen Russen hoch im Kurs.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. April um 12:00 Uhr.