Mann mit Maske vor dem Kreml | AFP

Russlands Umgang mit Corona Der große Bluff?

Stand: 11.02.2021 21:44 Uhr

Der Umgang mit Corona in Russland wirft viele Fragen auf: Geschäfte, Bars und Restaurants sind geöffnet, teils ist die Maskenpflicht schon abgeschafft. Doch beim Impfen hinkt Moskau hinterher - trotz eigenen Impfstoffs.

Von Stephan Laack, WDR

Geschäfte und Restaurants sind geöffnet. Kitas, Schulen und Unis seit kurzem ebenfalls. Auch der Besuch von Kinos oder Museen ist gestattet. In den russischen Regionen Tschetschenien und Udmurtien wurde sogar schon die Maskenpflicht abgeschafft. Russland geht bei den Lockerungen der Corona-Beschränkungen forsch voran. Für den 33-jährigen Anatoly aus Moskau ist dies überfällig gewesen: "Ich habe lange darauf gewartet. Ich denke, das macht Sinn, vor allem da jetzt Massenimpfungen stattfinden, und die Behörden wissen schon was sie tun."

Stephan Laack

Doch bei manchen bleibt ein ungutes Gefühl - schließlich sinken die täglichen Infektionszahlen nur langsam. Landesweit liegen sie bei 15.000, die Zahl der Toten ist mit mehr als 550 hoch. Viele kümmert das nicht. Die 21 Jahre alte Studentin Olga beobachtet in Moskau einen oftmals sorglosen Umgang mit Corona: "Die Leute haben es satt, zu Hause zu sitzen, und nun laufen alle in die Bars und Clubs. Es gibt überall Warteschlangen draußen und drinnen viele Menschen auf einem Haufen. Und niemand schert sich darum, Maske zu tragen oder Abstand zu halten. An der Uni sitzen viele in einem Raum, dicht an dicht zusammen und alle ohne Maske. Fieber wird zwar gemessen, aber man kann sich ganz leicht anstecken."

Zahlen liegen weit auseinander

Wie lange mag das wohl gut gehen, fragt man sich da. Die Gefahr durch neue Corona-Mutanten spielt offensichtlich keine Rolle. Und die offiziell veröffentlichten Zahlen zu Corona liegen weit auseinander. Beispiel Übersterblichkeit: Die russische Statistikbehörde Rosstat gab zu Beginn der Woche bekannt, dass die Zahl der Corona-Toten mit 162.000 mehr als doppelt so hoch liegt wie die des russischen Gesundheitsministeriums.

Kreml-Sprecher Dimitri Peskow meinte daraufhin relativierend: "Das sind traurige Zahlen für uns alle, aber das ist nun mal die Realität, mit der wir konfrontiert sind. Dabei geht es nicht nur Corona, sondern auch um die direkten und indirekten Konsequenzen. Es ist ja nicht nur Russland betroffen, sondern fast alle Länder der Welt."

Russland rühmt sich damit, beim Kampf gegen Corona mit dem Impfstoff Sputnik V einen Trumpf in der Hand zu haben. Präsident Wladimir Putin hob vor wenigen Tagen nochmal die Wirksamkeit von über 91 Prozent hervor, bestätigt durch Studien, die im renommierte Wissenschaftsmagazin "The Lancet" veröffentlicht worden waren. "Dieses Magazin 'The Lancet' hat seinen hohen Status manifestiert und natürlich seine Objektivität", so Putin. "Denn selbstverständlich haben Hunderttausende Impfungen in Russland diese Schlussfolgerungen bestätigt."

Rückstand beim Impfen

International hinkt Russland bei den Impfungen jetzt allerdings hinterher. Nach Angaben des Entwicklers von Sputnik V wurden bislang knapp vier Millionen Impfdosen verabreicht. Das entspräche einer Quote von 2,7 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Deutschland wurden rund vier Prozent, in den USA wurden bislang knapp 13 Prozent und in Großbritannien fast 20 Prozent der Bevölkerung geimpft. Zu den verfügbaren Liefermengen von Sputnik V gibt es keine exakten Angaben.

Kirill Dmitrijew vom russischen Investmentsfonds, der für die Vermarktung von Sputnik V zuständig ist, trat erst diese Woche auf die Bremse, als es um die Frage möglicher Lieferungen in die EU nach einer Zulassung ging. "Die großen Lieferungen in die EU sind erst dann möglich, wenn die Massenimpfungen in Russland beendet werden. Also ungefähr ab Mai."

Dafür müssten laut Experten allerdings 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Ob dies in den verbleibenden dreieinhalb Monaten zu schaffen ist, ist fraglich.

Über dieses Thema berichtete das Nachtmagazin am 12. Februar 2021 um 00:07 Uhr.