Kreml in Moskau | picture-alliance/ dpa

Russland blickt auf Bundestagswahl Wie weiter ohne Merkel?

Stand: 13.09.2021 14:59 Uhr

Auch Russland schaut auf die deutsche Bundestagswahl. Für den Kreml ist klar: Kanzlerin Merkel wird man vermissen. Grünen-Kandidatin Baerbock wird mit besonderem Argwohn betrachtet.

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zzt. Köln

Lange Zeit waren in Russland andere Themen wichtiger als die deutsche Bundestagswahl - vor allem, weil die Duma-Wahl, die Wahl zum russischen Parlament, die Medien beherrscht.

Stephan Laack

Doch das zweite deutsche Triell fand im russischen Fernsehen besondere Beachtung. Der Ton zwischen Laschet und Scholz sei diesmal härter gewesen, zwischen den beiden habe es teilweise richtig gekracht: "Von der ersten Minute an gibt es einen Schlagabtausch zwischen dem Unionskandidaten Armin Laschet und dem Sozialdemokraten Olaf Scholz", heißt es im russischen Fernsehen.

"Die Vertreterin der Grünen, Annalena Baerbock, bleibt außen vor. Laschet spricht von Geldwäsche im Finanzministerium, das Scholz gerade leitet. In der Außenpolitik besteht der SPD-Kandidat auf der Verstärkung der transatlantischen Zusammenarbeit."

Baerbocks Positionen gelten als radikal

Das Triell habe keine Antwort auf die Frage gegeben, welche Koalition nach der Wahl die Wahrscheinlichste sein wird, so der Kommentar im russischen Fernsehen. Niemand habe sich bei dieser Frage aus der Deckung gewagt. Baerbock wird jedenfalls nicht als Nachfolgerin von Bundeskanzlerin Angela Merkel gehandelt.

In Russland wird sie als Kandidatin mit den extremsten Forderungen dargestellt: "Baerbock war die einzige, die eine Impfplicht für bestimmte Berufsgruppen nicht abgelehnt hat, die radikalste Position hatte sie auch in Bezug auf den Klimaschutz."

Der Kreml schaut gespannt auf die deutsche Wahl

Den meisten Menschen in Russland dürften die Namen Baerbock, Laschet und Scholz noch nicht geläufig sein. Viele sind mit Sicherheit auch überrascht, dass nicht wieder Merkel zur Wahl antritt. Das Vakuum, das durch ihren Rückzug entsteht, und ihre Nachfolge beschäftigen auch den Kreml.

Alexander Kamkin, Deutschland-Experte am Europainstitut der Akademie der Wissenschaften, sagt: "Für den Kreml haben die Bundestagswahlen eine große Bedeutung." Das Interesse des Außenministeriums und anderer sei sehr groß. Es werde viel analysiert, es gebe Expertenrunden. "Ich weiß, dass im Außenministerium die Abteilung für Europa ständig daran arbeitet und sich auch mit der Analyse befasst. Die Situation ist ja ziemlich unberechenbar", so Kamkin.

Angela Merkel und Wladimir Putin | AFP

Putin wird Merkel als konstante, verlässliche Partnerin vermissen. Bild: AFP

Merkel hinterlässt eine Lücke

Der Kreml hält sich mit offiziellen Kommentaren zurück. Politische Beobachter wie Kamkin halten aber Baerbock für eine schwierige Verhandlungspartnerin aus russischer Sicht. "Der unbequemste Partner wird natürlich Frau Baerbock sein, wegen der wirtschaftlichen und politischen Agenda der Grünen, vor allem was die politischen Werte angeht", sagt er. "Wenn CDU und SPD für eine 'Realpolitik' stehen, dann sind die Grünen eine Partei, die ultraliberale Werte zur Grundlage haben." Zum Teil widersprächen diese Werte der politischen Realität, so Kamkin.

Bei Laschet und Scholz vertraut man im Kreml zumindest darauf, dass politische Streitpunkte von Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung losgekoppelt würden, so wie das im Großen und Ganzen auch unter Merkel der Fall war.

Vielleicht hatte Russlands Präsident Wladimir Putin während ihres Abschiedsbesuchs in Moskau gerade deshalb die sehr positive Wirtschaftsbilanz zwischen beiden Ländern hervorgehoben. Eines ist wohl unstrittig: Im Kreml wird man Merkel als konstante, verlässliche Gesprächspartnerin vermissen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. September 2021 um 14:00 Uhr.