Ein verlassener Spielplatz in der gesperrten Region Iitate | dpa

Elf Jahre nach Fukushima Bewohner dürfen zurück in ehemalige Gefahrenzone

Stand: 13.06.2022 10:41 Uhr

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima waren jahrelang mehr als 300 Quadratkilometer gesperrt. Seit dem Wochenende dürfen frühere Anwohner in einige Gebiete zurückkehren - doch nur wenige tun es.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Dicke Früchte hängen in den Sträuchern, einige sind schon rot. Die überdachte Erbeerfarm von Tokuda Sinngo liegt in Okuma, fünf Kilometer vom havarierten Atomkraftwerk entfernt. Sinngo betreibt die Farm seit vier Jahren. Es ist ein Versuch, die Gegend wiederzubeleben. Dass das funktioniert, daran hat Sinngo Zweifel. Einige Leute hätten sich anderswo ein Leben aufgebaut und würden deshalb nicht zurückkommen.

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Außerdem fehle es auch an guter Infrastruktur - es gebe weder Supermärkte noch Krankenhäuser oder Restaurants. Es mangele an den alltäglichen Dingen. Dann fügt Sinngo hinzu: "Wer zurückkehrt, muss viele Nachteile in Kauf nehmen".

Angebautes aus Fukushima

Der 69-Jährige Fujio Hanzawa will das trotzdem auf sich nehmen. Sein ursprüngliches Haus haben Wildschweine und andere Tiere unbewohnbar gemacht, deshalb ließ er schon ein neues bauen. Der Reisbauer ist voller Tatendrang und plant jetzt auch Gemüse anzupflanzen. In einer japanischen TV-Sendung sagt er: "Ich freue mich, dass das Zutrittsverbot in die Zone aufgehoben wurde. Aber zugleich gibt es noch Probleme wie die Dekontamination der Berge".

Damit spricht Hanzawa eine dauerhafte Herausforderung in der Region an. Noch immer stapeln sich vielerorts schwarze Müllsäcke. Zwölf Millionen Kubikmeter verseuchter Boden wurden bereits abgetragen. Doch in den am stärksten betroffenen Bergwaldgebieten, in denen die radioaktive Strahlung mehr als das Zehnfache der Strahlung in der Ebene beträgt, gehen die Aufräumarbeiten nur sehr langsam voran.

Kontaminierte Erde lagert in Säcken in der Gegend von Fukushima (Japan) | picture alliance / dpa

Kontaminierte Erde wird bei Fukushima erst in Säcke gepackt und dann vergraben - und irgendwann soll sie über das ganze Land verteilt werden. Bild: picture alliance / dpa

Beseitigung der Kontamination schwierig

Hiroshi Hattori arbeitet im Regionalbüro für Umweltangelegenheiten in Fukushima, das dem japanischen Umweltministerium untersteht. Auch er bestätigt: Die Beseitigung aller Spuren nuklearer Verschmutzung in den Berg- und Waldgebieten sei eine schwierige Aufgabe.

Wenn wir die in den Untergrund eingedrungenen radioaktiven Stoffe beseitigen wollen, müssen wir uns tief durch die Bodenbedeckung der Oberflächenvegetation graben.

In den letzten Jahren habe es starke Regenfälle gegeben, sodass diese Gebiete anfällig für Erdrutsche seien, erklärt Hattori weiter. "Wir haben noch keinen genauen Plan, wie wir die Spuren der nuklearen Verschmutzung in den Berg- und Waldgebieten vollständig beseitigen können. Die Aufräumarbeiten in diesen Gebieten müssen anders aussehen als in Wohngebieten in der Ebene."

Aufräumarbeiten nicht vernachlässigen

Die Aufräumarbeiten sollten keinesfalls vernachlässigt werden, warnt Kumpei Hayashi, außerordentlicher Professor für Agrarwissenschaften an der Universität Fukushima, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Wenn wir der Bewirtschaftung der Bergwälder heute keine Bedeutung beimessen, wird sich die Situation in den Wäldern in 10 bis 20 Jahren weiter verschlechtern.

Da sich immer mehr radioaktive Stoffe ansammelten, werde die Gewährleistung der Arbeits- und Produktsicherheit eine große Rolle spielen, erklärt Hayashi.

Die Landwirtschaft war vor dem Unglück eine Schlüsselindustrie Fukushimas und soll so gut wie möglich wiederbelebt werden. Der Wiederaufbau bleibt aber mühsam - in einem Ort kamen mit der Evakuierungsaufhebung nur vier von 30 Haushalten zurück. In anderen Gegenden sah es nicht viel anders aus.