Kanzlerin Merkel und der russische Präsident Putin schütteln die Hände bei einem Treffen im Januar in Moskau. | MICHAEL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREML

Merkel bei Putin Die Konstante

Stand: 20.08.2021 04:30 Uhr

Unbequem, aber auch in Krisenzeiten um Dialog bemüht - das schätzt Russlands Präsident Putin an Kanzlerin Merkel. Nun kommt sie zum wohl letzten Besuch als Kanzlerin nach Moskau, ausgerechnet am Jahrestag der Nawalny-Vergiftung.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Es braucht keine Kreml-Astrologie um vorauszusagen, worüber der russische Präsident und die Kanzlerin reden werden: Über Afghanistan, die Taliban, die Flüchtlinge. Über Belarus, die Ostukraine und Nord Stream 2. Über das angespannte deutsch-russische Verhältnis. Über Spionage und Hackerangriffe. Über die Parlamentswahlen in beiden Ländern.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Denn auch wenn klar ist, dass Angela Merkel das Kanzleramt bald verlässt - für den Kreml ist sie alles andere als eine "lame duck", als eine politisch lahme Ente. Sie ist eine Gesprächspartnerin, die Wladimir Putin respektiert und schätzt:

Sie ist eine erfahrene Politikerin und ein sehr direkter Mensch. Sehr verlässlich. In allem, worauf wir uns geeinigt haben. Sie ist - und das ist für mich erstaunlich - ein sehr konsequenter Mensch, der seine Positionen verteidigt.

Wenig willkommene Umwidmung

Zu Beginn von Merkels Amtszeit musste sich der Kreml an diese unverblümte, kühl-pragmatische Art allerdings erst einmal gewöhnen. Dass sie noch vor ihrem ersten offiziellen Besuch in Moskau im Januar 2006 die von Kanzler Gerhard Schröder demonstrativ gepflegte Freundschaft zu einer "strategischen Partnerschaft" umwidmete, kam nicht gut an. Von einer neuen Eisernen Lady war die Rede.

Hier sei Putin gefragt, meinte die Vize-Chefin des Auswärtigen Ausschusses in der Duma, Natalja Narotschnitzkaja damals. Vielleicht gelinge es ihm ja mit seiner männlichen Intuition, dem Ganzen einen persönlichen Touch zu geben.

Und so gab es schon mal cremefarbene Rosen für die Kanzlerin in Sotschi. Ein bisschen Süßholzraspelei 2016 in Moskau, als Putin erklärte, dass es aus seiner Sicht unter den Deutschen durchaus ein absolutes Vorbild gebe. Es sei - die Bundeskanzlerin.

Putin überreicht Merkel einen Blumenstrauß | dpa

Rosen für die Kanzlerin - manchmal zeigt sich Putin auch gegenüber Merkel von der charmanten Seite. Bild: dpa

Im Gespräch bleiben - auch in Krisen

Im Kreml weiß man zu schätzen, dass Merkel das Gespräch auch in schwierigen Zeiten nicht hat abreißen lassen. Weder nach dem Georgien-Krieg 2008, noch nach der Annexion der Krim 2014. Auch als sich das deutsch-russische Verhältnis deutlich verschlechterte, blieb sie bei ihrer Haltung, dass es besser sei, miteinander statt übereinander zu sprechen: "Und dann auch versucht, die Argumente des anderen zu verstehen."

In einem Fall ging das zuletzt allerdings gründlich daneben - im Fall Nawalny. Dass die Kanzlerin den Kreml-Kritiker, nachdem er aus Omsk nach Berlin ausgeflogen worden war, in der Charité besuchte - für Moskau ein Affront.

Außenminister Sergej Lawrow ging die Kanzlerin sogar direkt an. Er warf ihr öffentlich vor, Russland auf verantwortungslose Weise zu beschuldigen: ohne auch nur einen Beweis für die vermeintliche Tat zu liefern. In einer jetzt veröffentlichten Erklärung legte das russische Außenministerium noch einmal nach. Von einer böswilligen, aggressiven Propagandakampagne gegen Russland ist die Rede.

Ein künstlich geschaffener Fall?

Der Fall Nawalny, heißt es, sei von Berlin und seinen Verbündeten künstlich geschaffen worden, um unter dem Deckmantel von Menschenrechten umfassende Maßnahmen zu ergreifen, um Russland zu schwächen und an den Pranger zu stellen.

Der Fall Nawalny, das Verbot seiner Organisationen und der Druck auf seine Mitstreiter dürften damit auch heute, am Jahrestag der Vergiftung, wieder zur Sprache kommen. Denn Merkel, meint der Russlandkenner Alexander Rahr, wäre nicht Merkel, wenn sie solche Themen auslassen würde.

Sie hat, anders als Kohl und Schröder, mit Blick auf Russland immer eine auf liberale Werte ausgerichtete Politik verfolgt. Sie will immer Menschenrechtsfragen, Fragen der Rechtsstaatlichkeit und die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Russland diskutieren.
Angela Merkel, Wladimir Putin und Labrador Koney bei einem Treffen in Sotschi im Januar 2007 | picture alliance / dpa

Im Januar 2007 ließ Putin in Sotschi seinen Labrador Koney in den Raum, wohlwissend, dass Merkel sich unwohl in Gegenwart von Hunden fühlt. Putin gefiel's - und Merkel blieb stoisch. Bild: picture alliance / dpa

Keine Zeit für Anekdoten

Angesichts der vielen ernsten Themen dürfte kaum Zeit bleiben für ein paar Anekdoten aus der langen gemeinsamen Regierungszeit: angefangen bei der Schnupper-Attacke von Putins Labrador-Hündin Koni bis hin zu den echten kleinen Freuden.

Der russische Präsident, hatte Merkel einmal aus dem Nähkästchen geplaudert, trinke gern deutsches Bier. Da ergebe sich schon mal die Möglichkeit, sich auszutauschen. Sie wiederum habe schon mal sehr guten Räucherfisch bekommen.

Und dann ist da natürlich noch die Frage, wie es politisch im deutsch-russischen Verhältnis weitergehen wird. Nach Angela Merkel, die für die russische Führung immer eine Konstante war - auch in unberechenbaren Zeiten.

Über dieses Thema berichteten am 20. August 2021 BR24 um 06:09 Uhr und das ARD-Morgenmagazin um 05:38 Uhr sowie um 06:43 Uhr.