Zwei Frauen laufen auf der Straße, im Hintergrund fahren Polizisten auf Motorrädern | dpa

Proteste im Iran "Lieber sterben als festgenommen werden"

Stand: 26.09.2022 09:08 Uhr

Festnahmen, Schläge, Tränengas - die Gewalt des Mullah-Regimes im Iran nimmt drastisch zu. Doch die Demonstranten gehen trotz ihrer Angst auf die Straße. Manche Männer unterstützen den Protest der Frauen.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die Lage im Iran wird immer angespannter. Manche Demonstrantinnen und Demonstranten belassen es nicht mehr nur bei friedlichen Protestaktionen, wie dem Abschneiden der Haare oder dem Verbrennen von Kopftüchern. Ein Demonstrant veröffentlicht im Netz ein Bild von vorbereiteten Molotowcocktails.

Brutales Vorgehen der Polizei

Dagegen stehen brutale Szenen, in denen Sicherheitskräfte eine Frau gegen den Bordstein schleudern oder mit dem Gewehrkolben auf eine andere einschlagen. Ob all die Videos echt sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber vieles deckt sich mit Schilderungen wie dieser Sprachnachricht einer jungen Iranerin an das ARD-Studio Istanbul.

Es ist so gefährlich. Ich habe Angst, verhaftet zu werden, Angst getötet zu werden. Sicherheitskräfte haben uns geschlagen, uns verfolgt, sie haben Tränengas und Pfefferspray gesprüht. Ich habe gesehen, wie sie jemandem mit Schlagstöcken den Schädel eingeschlagen haben.

Hunderte Festnahmen

Die junge Frau hat viel riskiert allein schon für diese paar Worte, denn das reicht oft schon aus, damit Sicherheitskräfte einen abholen. Ein Video im Netz zeigt beispielsweise, wie schwer bewaffnete Männer gewaltsam in ein Haus eindringen. In einem anderen nehmen sie in einem Wohnviertel einen jungen Mann mit. Eine Frau, vermutlich die Mutter, fleht vergeblich. Das Ganze wird gefilmt aus einem Nachbarhaus - auch das ist schon gefährlich. Ende letzter Woche berichten Menschenrechtsgruppen von mehr als 700 Festnahmen. Inzwischen dürften es wohl 1000 sein, darunter auch Journalistinnen und Journalisten.

"Du kannst dir nicht vorstellen, was sie dir antun können, wenn sie dich festnehmen. Schau dir an, wie sie diese Frau verschleppen. Ich mache mir Sorgen. Ich glaube, ich würde lieber erschossen werden, als dass sie mich festnehmen. Sie machen einem so viel Angst." Das erzählt die junge Iranerin Shabnam, als sie eines der vielen Videos auf ihrem Handy anschaut.

Geheimdienst droht, die Kinder zu verschleppen

Die junge Frau lebt seit knapp drei Jahren mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Istanbul. Die beiden waren bekannte Fitnesscoaches im Iran mit anderthalb Millionen Follower auf Instagram. Sie haben Sportvideos und Familienfotos gepostet. Shabnam trug dabei kein Kopftuch, küsste ihren Mann - zu viel für die Islamische Republik. Der Geheimdienst drohte ihr.

"Der Mann sagte: 'Wenn ich sage, lösche deine Seite, dann machst du es.' Ich sagte: 'Nein, warum sollte ich?' Und er sagte: 'Wenn ich deine Kinder an einen Ort bringe, den du niemals finden kannst, sagst du dann immer noch Nein zu mir?'"

Männer unterstützen den Protest

Das klingt wie aus einem schlechten Film, im Iran ist es Realität. Shabnam und ihr Mann packten die Kinder und flohen in die Türkei. Danach erfuhren Sie, dass ein Gericht sie beide zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt hat und Shabnam zusätzlich zu 74 Peitschenhieben. "Ich kann das einfach nicht glauben, das ist so lächerlich. Wir sind in diesem Land aufgewachsen, mit diesen dummen Gesetzen und dennoch glauben wir an nichts davon", sagt sie.

Ihr Kopf ist komplett im Iran, erzählt sie. Wenn irgend möglich, verfolgt sie die Nachrichten und Videos auf dem Handy. Sie ist durcheinander, hat große Angst. Aber sie meint auch: "Ich fühle mich glücklich, mutig, stolz und inspiriert vom Mut dieser jungen Frauen auf der Straße. Und jetzt stehen Männer an unserer Seite. Sie unterstützen uns im Kampf gegen diese schwachsinnigen Gesetze. Das ist etwas komplett Neues."

Professor kritisiert Kopftuch-Gebot

Einer dieser Männer ist offenbar Mehdi Mokhtari. Ein Video zeigt ein Statement des Universitätsprofessors im Iran. "Ich bin gegen das obligatorische Kopftuch und die Unterdrückung von Menschen, die dagegen protestieren."

Die Fitnesstrainerin Shabnam versucht auf ihre Weise, bei ihren Freundinnen und den Frauen und Männern auf der Straße zu sein. Sie zieht das Hosenbein hoch und liest ihre neue Tätowierung am Unterschenkel vor: "Frauen, Leben, Freiheit und der Name der jungen Frau, Mahsa Amini sowie ihr Todestag." Die junge Frau ist überzeugt: Dieses Jahr wird entscheidend sein in unserer Geschichte. "Da bin ich mir sicher."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. September 2022 um 08:05 Uhr.