Ein Mann rudert im Boot auf dem mit Plastikmüll verschmutzten Citarum in Indonesien. | picture alliance / Xinhua News A

Kampf gegen Plastikmüll Vom Flaschenkayak zum Müllsparbuch

Stand: 29.06.2021 04:44 Uhr

Sauberes Trinkwasser gibt es in Indonesien fast nur in Plastikflaschen - die landen in den Flüssen und Weltmeeren. Doch zunehmend erkennen die Anwohner den Wert von gesammeltem Plastikmüll.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Zwei Brüder paddeln einen Fluss auf Java entlang - in Kayaks aus Plastikflaschen, auf dem dreckigsten Fluss Indonesiens. "Als wir den Fluss entlang gepaddelt sind, fanden die meisten Menschen es lustig, dass wir uns auf Müll fortbewegten. Unsere Guides, die uns begleitet haben, fanden das Plastikflaschenkayak eine prima Idee", erzählt Gary Bencheghib. Sie haben den Müll, der den Fluss verschmutzt, in eine Ressource verwandelt - ein wertvolles Material, das für vieles genutzt werden kann.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Gary und sein Bruder Sam Bencheghib sind 2017 den Citarum entlang gepaddelt. Der Fluss auf West-Java gehört zu den zehn am stärksten verschmutzten Flüssen der Welt. Er liegt etwas östlich von der Hauptstadt Jakarta und ist 270 Kilometer lang. 27 Millionen Menschen leben an und von seinem Wasser - das man teilweise gar nicht sieht unter dem treibenden Plastikmüll. Bis 2025 soll er laut Indonesiens Präsident Joko Widodo der sauberste Fluss der Welt sein. Doch bis dahin muss viel Arbeit geleistet werden.

"Der Müll hat Wert"

Gary Bencheghib erzählt von einer Müllsammlerinitiative: "Das ist eine Kooperative, die mit 58 Leuten auf dem Fluss Müll sammeln - in Kayaks aus Holz. Die kosten jeweils 120 Euro. Das könnten sie sparen, wenn sie Boote aus Müll bauen." Die beiden Brüder wollen gemeinsam mit der Initiative eine ganze Flotte aus Plastikflaschenkayaks bauen, mit denen der Citarum aufgeräumt wird. So lassen sich Ressourcen sparen: Die Flussaufräumer verbrauchen keine weiteren Rohstoffe zum Bootsbau und müssen weniger Geld ausgeben.

"Nachdem ich Sams und Garys Kayaks gesehen hatte, waren wir voller Inspiration, ein Boot zu bauen, das sich leicht auf dem Citarum navigieren lässt, ein Boot, das extra für Müllsammler gestaltet wurde", erzählt Indra Darmawan, einer der Gründer der Müllsammelinitiative. "So können wir den Fluss wieder in seine alte Form bringen."

Das ist kein leichtes Unterfangen. Denn täglich landen Tonnen um Tonnen neuer Abfälle in dem Gewässer, Textilfabriken leiten ihre ungeklärten Abwässer ein. Dass auch viele Anwohner des Flusses ihn als Müllhalde benutzen, hat viel mit fehlendem Wissen um die Zusammenhänge des Ökosystems zu tun. Doch mehr und mehr Anwohner wollen das ändern - auch durch Plastikflaschenkayaks.

Das ist das Tolle - mit Müll kann man das Leben der Menschen positiv verändern. Der Müll hat Wert, er muss nicht weggeschmissen werden, sondern kann kreativ verwendet werden.
Zainuddin macht in Banda Aceh aus Plastikflaschen Sitzmöbel | AFP

In ganz Indonesien entstehen Initiativen gegen die Müllverschmutzung: Zainuddin macht in Banda Aceh aus Plastikflaschen Sitzmöbel (Bild vom 19.06.2021). Bild: AFP

Busfahrkarten gegen Plastik

Der Wert des Flaschenmülls wächst: In der Stadt Surabaya können die Bewohner Plastikflaschen gegen Busfahrkarten eintauschen. Das Programm kommt an: In der Stadt mit 2,9 Millionen Einwohnern erhalten immerhin 16.000 Menschen pro Woche Freifahrten - nur dafür, dass sie ihre leeren Wasserflaschen sammeln und mitbringen, anstatt sie wegzuwerfen.

Eine weitere Initiative namens "Garbage Clinical Insurance" finanziert medizinische Behandlungen durch Recycling: Die Teilnehmer des Programmes versprechen, eine bestimmte Mindestmenge an recyclefähigem Müll pro Monat zu sammeln - das sind vor allem Plastikflaschen. Die Kosten, die für eine teurere Behandlung fehlen, ergänzen entweder Regierungsprogramme oder Sponsoren. So werden Verantwortung füreinander und für die Umwelt gefördert.

Denn nicht nur die Flüsse sind dreckig, sie spülen das Plastik weiter bis ins Meer. Indonesien ist weltweit der zweitgrößte Verschmutzer der Ozeane durch Plastik. Auch rund um die idyllischen Thousand Islands, eine beliebte Ausfluggegend vor Jakarta, ist das sichtbar: türkisfarbenes Meer, heller Sand, bunte Fischerboote, beste Schnorchelgegend - und überall schwimmt Plastik. Cola-, Limo-, Wasserflaschen.

Rund um Pulau Pramukan sieht es schon ein wenig anders aus: Hier betreibt Maharia Sandri eine Müllbank. "Ich habe den Bewohnern der Insel gesagt, dass sie ihren Müll trennen sollen, Biomüll und Nicht-Biomüll. Dann bringen sie ihn zu uns und bekommen dafür ein Guthaben auf ihrem Müll-Sparbuch" erzählt sie. "Das verbessert die Lage hier rund um die Insel schon erheblich."

Ein Müllsparbuch für Arztrechnungen

Das Müllsparbuch ist für Arztrechnungen, Stromrechnungen und anderes Notwendiges einsetzbar. Im Garten der Müllbank rahmen umgedrehte Plastikflaschen die Beete ein, hier wachsen Papaya, Spinat, Pak Choy und Chili; denn Sandri bringt den Inselbewohnern auch bei, wie man Gemüse zieht und organischen Müll zu Kompost macht. Neben einem Schafstall steht eine Schneidemaschine; hier werden Plastikflaschen sortiert, zerkleinert und später an Plastikverwerter verkauft.

Das Grundproblem bleibt jedoch: Dieser Müll sollte eigentlich vermieden werden. Recycelte Plastikflaschen sind immer noch schlechter als gar keine Plastikflaschen. Doch Maharia Sandri hat auch dafür eine Idee.

"Früher haben die Menschen Regenwasser gesammelt und das getrunken; das möchte ich wieder einführen", sagt sie. "Gleichzeitig versuchen wir die Qualität des Grundwassers zu verbessern - und am Ende muss niemand mehr Wasser in Plastikflaschen kaufen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Juni 2021 um 12:18 Uhr.