Aufständische Anti-Taliban-Kräfte während einer Patrouille auf einer Bergkuppe im Gebiet Darband im Bezirk Anaba in der Provinz Pandschir, Afghanistan. | AFP

Afghanistan Widerstand im Pandschir-Tal gegen Taliban

Stand: 04.09.2021 12:16 Uhr

Seit Tagen kämpfen im Pandschir-Tal Rebellen gegen die Taliban. Ihr Anführer ist Ahmad Massoud, der Sohn eines berühmten Widerstandskämpfers. Doch was will er, und welche Erfolgsaussichten hat er?

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Bislang ist es noch nie gelungen, das Pandschir-Tal zu erobern. Eine Hochburg des Widerstands: gegen die Sowjets in den 1980er-Jahren, gegen die Taliban Ende der 1990er-Jahre - und auch jetzt, nach der erneuten Machtübernahme der Islamisten, will sich das symbolträchtige Tal nicht den Taliban ergeben.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Angeführt wurde der Widerstand von Ahmad Sha Massoud. Nun hat sich sein Sohn im Tal verschanzt. Nach eigenen Angaben hat er mehr als 6000 Kämpfer unter sich, darunter ehemalige afghanische Soldaten und Regierungsvertreter. Kurz vor der Machtübernahme der Taliban hat Massoud der Denkfabrik Atlantic Council ein Interview gegeben. Darin sagt er, die Taliban seien noch extremistischer als zuvor und wollten allein und zentral über den Vielvölkerstaat herrschen. "Deswegen leisten wir Widerstand und kämpfen, weil wir eine Regierung wollen, damit alle in Frieden leben können."

Massoud will Machtbeteiligung

Ahmad Massoud ist Tadschike, die Taliban sind Paschtunen. Ethnische Konflikte in Afghanistan führten schon zu Bürgerkriegen und sind auch ein Grund dafür, dass das Land seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommt. In Verhandlungen mit den Taliban soll Massoud eine Machtbeteiligung gefordert haben, erst 50, dann 30 Prozent. Für die Taliban scheint das ausgeschlossen.

Ahmad Massoud (Archivbild aus September 2019) | REUTERS

Massoud engagiert sich seit Jahren gegen die Taliban. Bild: REUTERS

Vater warnte vor 9/11

Sie haben das historische Pandschir-Tal umzingelt und versuchen nun, den Widerstand mit Gewalt zu brechen. Ahmad Massoud hingegen hofft, genau wie einst sein Vater, dagegenhalten halten zu können.

Beim Interview stehen überall gerahmte Fotos seines Vaters, der fast genau den gleichen Namen hatte: Ahmad Sha Massoud. Bis heute ein Nationalheld in Afghanistan. "Der Löwe vom Pandschir-Tal", so wird er oft genannt. Fotos von ihm hängen als riesige Plakate am Flughafen, an Autoscheiben oder Straßenlaternen, Afghaninnen und Afghanen besingen Massoud, der vor 20 Jahren, im September 2001, von Al-Kaida-Kämpfern ermordet wurde, in Liedern. 

Zwei Tage nach der Tat rasten die Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers. Massoud hatte vor den Terrorplänen von Osama bin Laden gewarnt. Kurz nach seiner Ermordung marschierten die USA mit ihren Verbündeten in Afghanistan ein, die Vertreibung der Taliban hatte damals vom Pandschir-Tal aus begonnen.

Kämpfe in Pandschir-Tal

Die radikalislamischen Taliban und ihre Gegner liefern sich seit Tagen heftige Gefechte im nordöstlich von Kabul gelegenen Pandschir-Tal. Taliban-Sprecher Sabihulla Mudschahid sagte am Donnerstag, der Einsatz in Pandschir sei begonnen worden, nachdem Verhandlungen mit der "bewaffneten örtlichen Gruppe" dort fehlgeschlagen seien. Ein Sprecher der Widerstandsbewegung bestätigte, die Truppen unter Ahmad Massoud seien in "schwere" Kämpfe mit den Islamisten verwickelt.

Am Freitag erklärten die Taliban dann, sie hätten das Pandschir-Tal erobert. "Wir haben die Kontrolle über ganz Afghanistan", sagte ein Militärführer der Extremistengruppe. Der frühere Vizepräsident Amrullah Saleh, der zu den Anführern der Taliban-Gegner zählt, dementierte die Berichte jedoch. Er räumte zwar ein, er und seine Anhänger befänden sich in einer schwierigen Lage. "Der Widerstand dauert aber an und wird andauern." Auch ein Informant von AFP, der in dem Tal wohnt, dementierte eine Eroberung gegenüber der Nachrichtenagentur telefonisch. 

Sohn hat nicht die Strahlkraft des Vaters

Diese Geschichte werde sich nicht wiederholen und es sei mehr als fraglich, ob der Sohn des afghanischen Nationalhelden tatsächlich seine Stellung nun halten kann, sagt Thomas Ruttig. Er beobachtet seit vielen Jahren das Land, hat selbst schon unter den Taliban dort gelebt und arbeitet für die Denkfabrik Afghan Analysts Network: "Ich glaube, er reicht nicht an seinen Vater heran." Er sei schon seit zwei, drei Jahren aktiv und habe versucht, eine Oppositionsbewegung gegen den damaligen Präsidenten Ghani auf die Beine zu stellen. "Es haben sich aber nicht zu viele um ihn geschart und auch die älteren Führer seiner eigenen Partei - die Frage des Alters spielt immer eine große Rolle in Afghanistan - haben sich ihm auch nicht angeschlossen."

Minderheiten könnten sich gegen Taliban auflehnen

Schon bald wollen die Taliban ihre neue Regierung vorstellen. Es wird sich zeigen, wie viele Menschen aus den unterschiedlich ethnischen Gruppen daran teilhaben werden. Das könnte für Sprengstoff sorgen, sagt Ruttig.

Ein erneuter Bürgerkrieg, der vom Pandschir-Tal ausgeht, sei noch nicht ausgeschlossen: "Wenn es den Leuten gelingt, ihren Kampf auszuweiten und weiter Anhänger zu finden - was der Fall sein könnte, wenn die Taliban gegen die großen Minderheiten der Tadschiken, Hazara und Usbeken repressiv vorgehen - dann könnte das wieder zu einem Bürgerkrieg führen. Das wäre erneut eine ethnische Polarisierung, die sehr gefährlich ist für das Land."

"Wir werden niemals aufgeben"

Die Verhandlungen zwischen den Taliban und Massoud haben bislang zu keiner Einigung geführt. Seit mehr als fünf Tagen gibt es nun Gefechte. Auf Facebook hat sich der Sohn des Nationalhelden heute zu Wort gemeldet: "Wir werden den Kampf für Gott, Freiheit und Gerechtigkeit niemals aufgeben." Noch gibt er sich nicht geschlagen.

Dieser Beitrag lief am 04. September 2021 um 12:50 Uhr auf B5 aktuell.

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Moderation 04.09.2021 • 16:16 Uhr

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