Sven Kühn von Burgsdorff bemalt am zusammen mit palästinensischen Kindern eine Mauer während des Besuchs einer Entsalzungsanlage in Deir al-Balah im zentralen Gazastreifen. | dpa

EU-Vertreter in Palästinensischen Gebieten Diplomat in aller Öffentlichkeit

Stand: 01.01.2022 08:01 Uhr

Der Nahost-Konflikt führt Diplomaten immer wieder die Grenzen ihrer Möglichkeiten vor Augen. Der EU-Vertreter in den Palästinensischen Gebieten setzt deshalb auf ungewöhnliche Mittel - bilderträchtige Auftritte und klare Worte.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Vor etwa einem Jahr besuchte Sven Kühn von Burgsdorff einen Hügel südlich von Jerusalem. Der EU-Botschafter bei den Palästinensern wollte in Givat Hamatos mit den Medien reden, wollte erklären, warum der Bau einer israelischen Siedlung genau hier für einen möglichen palästinensischen Staat besonders fatal wäre. Doch der Diplomat wurde kaum verstanden.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Eine Gruppe von rechtsnationalen Israelis war gekommen, um den EU-Vertreter niederzubrüllen. Aus Sicht der Aktivisten gehört der Hügel zu Israel. Das Völkerrecht aber sagt: Dies ist von Israel besetztes Gebiet. So lautet auch die Position der EU. Und deshalb kam von Burgsdorff an diesen Ort.

Die Aufgabe in den Palästinensischen Gebieten, sagt der Norddeutsche, der seit 30 Jahren für die EU arbeitet, sei "wahrscheinlich sein schwierigster Posten - weil es der politisch komplizierteste ist".

Eine verfahrene Lage und die historische Bürde

Israel und die Palästinensischen Gebiete: Das ist für Diplomaten eine der heikelsten Regionen der Welt. Weil sich die Konfliktparteien so unversöhnlich gegenüberstehen. Weil schnell der Vorwurf kommt, man schlage sich auf eine Seite. Und dann ist da noch die Schwere der Geschichte, sind da die Gräueltaten von Nazi-Deutschland, die Verantwortung für die Opfer des Holocaust und ihre Nachfahren.

Es gebe Ursachen für diplomatische Zurückhaltung, sagt von Burgsdorff. Der deutsche EU-Diplomat wurde von rechtsnationalen Israelis auch schon als Antisemit beschimpft. Was der entschieden zurückweist.

EU-Vertreter von Burgsdorff besucht eine Entsalzungsanlage in Deir al-Balah (Palästinensische Gebiete) und schüttelt dabei einer Palästinenserin die Hand | dpa

Setzt auf die Wirkung der direkten Begegnung. EU-Vertreter von Burgsdorff Bild: dpa

Nicht nur diplomatische Formulierungen

Obwohl das Umfeld für den Diplomaten so sensibel ist, setzt der auf klare Worte. Manche sagen: Klarer, als das bei vielen anderen Diplomaten in der Region der Fall ist. So spricht er häufig von Unrecht, das durch die israelische Besatzung entstehe. "Beeindruckend" sei der Mann aus Deutschland, sagt ein hochrangiger Vertreter der Palästinenser.

Der EU-Botschafter besuchte vor Kurzem eine palästinensische Familie in Ost-Jerusalem, die von einer Zwangsräumung durch Israel bedroht ist. Fotos zeigen, wie von Burgsdorff die Hand einer älteren Frau hält. "Der kümmert sich" - das ist die Botschaft an die Palästinenser.

Der Diplomat aus Deutschland setzt auf die Kraft der Bilder. Er sprang schon mit einem Fallschirm und einer palästinensischen Flagge aus einem Flugzeug und sagte, die Palästinenser sollten ihren Traum eines freien und unabhängigen Staates nicht aufgeben.

Leicht bekleidet im Kajak

Von Burgsdorff, das kann man durchaus so sagen, zeigt sich gerne vor Kameras. Er fuhr auch schon mit freiem Oberkörper im Kajak vor der Küste des Gazastreifens. Er sagt, er wollte damit zeigen, dass dieser weitgehend abgeschottete Ort auch schöne Seiten hat. "Public Diplomacy" nennt sich das auf Englisch.

Der Diplomat will im Internet - abseits von Politik und klassischer Diplomatie - die öffentliche Meinung beeinflussen. In einer Zeit, in der dem Nahostkonflikt von den Regierungen in den USA und den EU-Staaten keine hohe Priorität mehr eingeräumt wird.

Die begrenzten Möglichkeiten der EU

Und natürlich weiß von Burgsdorff, dass die EU - also sein Arbeitgeber - beim Thema Nahost häufig an ihre Grenzen stößt: Laut einer EU-Verordnung müssen Produkte, die aus israelischen Siedlungen stammen, entsprechend gekennzeichnet werden. Viele EU-Staaten haben das aber noch nicht umgesetzt.

Vor allem in den vergangenen Jahren haben die EU-Staaten selten mit einer Stimme gesprochen. Als die EU-Außenminister im Mai eine gemeinsame Erklärung zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas veröffentlichten, verweigerte Ungarn seine Zustimmung. Die ungarische Regierung um Viktor Orbán ist ein enger Verbündeter Israels und warf der EU "Einseitigkeit" zu Gunsten der Palästinenser vor.

Viele sehen das anders. Über Spannungen innerhalb der EU zu sprechen, das ist für von Burgsdorff diplomatisch tatsächlich etwas heikel. Gleichzeitig verweist er auf Grundsätze, die für alle Mitgliedstaaten gelten.

Das Völkerrecht ist für die EU der absolute Leitfaden. Es gibt wahrscheinlich keinen Rechtsrahmen, der der EU so wichtig ist wie das Völkerrecht. Wir sind ja entstanden letztlich, weil wir keinen Krieg mehr haben wollten. Das EU-Projekt ist ein Friedensprojekt. Umso mehr haben wir auch die Verpflichtung, uns daran zu halten."  

Zu sehr auf einer Seite?

Den Vorwurf, zu pro-palästinensisch zu sein, weist von Burgsdorff zurück. Er kritisiere auch die palästinensische Seite. Zum Beispiel, weil es dort seit 15 Jahren keine nationalen Wahlen mehr gegeben hat. Oder weil die Freiheiten für die Zivilgesellschaft teilweise drakonisch eingeschränkt werden.

Israel zu kritisieren habe wiederum nichts mit Antisemitismus zu tun. Gerade als Freund Israels wolle er sich deutlich äußern. Von Burgsdorff wünscht sich, was sich fast alle wünschen: dass Israelis und Palästinenser in Frieden leben können.

Die eigenen Grenzen akzeptieren

Mit seinem Enthusiasmus wirkt der Diplomat manchmal so, als sei dieses Ziel in greifbarer Nähe. Aber das ist es natürlich nicht. Und natürlich können Vertreter aus dem Ausland den jahrzehntealten Konflikt nicht alleine lösen.  

"Das ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für mich. Dass ich akzeptieren muss, dass ich in den drei, vier Jahren meines Hierseins bestenfalls einen ganz kleinen Teil dazu beitragen kann."

In anderthalb Jahren wird von Burgsdorff Jerusalem verlassen, in Richtung Rente. Auf keinen Fall wolle er zynisch werden, sagt er - in einer Region, in der schon viele den Glauben an bessere Zeiten verloren haben: "Ich bin sicher, dass der Konflikt gelöst wird. Irgendwann. Die Frage ist nur: Wie schnell geht das? Und wie gewaltlos geht das?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Dezember 2021 um 05:17 Uhr.