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Weltspiegel

Pakistan Die Schule der Taliban

Stand: 27.06.2021 02:30 Uhr

In Pakistan bildet eine staatlich finanzierte Schule islamistische Extremisten aus dem Nachbarland Afghanistan aus. Wichtigstes Ziel: Afghanistans Rückverwandlung in einen fundamentalistischen Gottesstaat.

Von Peter Gerhardt, HR

Wenn Maulana Yousaf Shah auf die Bedeutung seiner Universität angesprochen wird, gerät er ins Schwärmen: "Unsere Absolventen haben schon Russland in Stücke geschlagen, und jetzt haben wir es geschafft, dass auch die USA die Koffer packen." Er ist einer der einflussreichsten Lehrer des Haqqania-Seminars, einer religiösen Universität, die den Beinamen "Kaderschmiede des Dschihad" durchaus mit Stolz trägt. Fast alle Führer der afghanischen Taliban haben irgendwann hier die Schulbänke gedrückt. In Akora Khattak, einer Kleinstadt im Nordwesten Pakistans, rund 100 Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt.

Peter Gerhardt

Offiziell werden die 6000 Studenten auch in Wirtschaft oder Politik unterrichtet, doch der Fokus ist die äußerst strikte Auslegung des Islam. Dazu gehört: Hier studieren ausschließlich Jungs und Männer. "Wir sind ausgezeichnet in allem, was den Dschihad betrifft", sagt Shah.

"Vater der Taliban" gründete die Schule

Auch wegen solch martialischer Worte gilt das Haqqania-Seminar als Brutstätte des islamistischen Terrors. Hier haben sich die Taliban ihr geistiges Rüstzeug geholt, als sie in den 1990er Jahren Afghanistan unterjochten. Hier finden sie nach wie vor einen Rückzugs- und Ausbildungsraum für ihren Kampf um die Rückeroberung des Landes. Der Geistliche Maulana Abdul Haq, der die Schule 1947 gründete, wird bis heute als "Vater der Taliban" verehrt.

Abdul Malik studiert seit einem Jahr. Wie die meisten Kommilitonen kommt auch er aus Afghanistan. Dort hat der 25-Jährige nie etwas anderes erlebt als Krieg. "Wenn ich zurückkehre, werde auch ich in den Heiligen Krieg ziehen", sagt er stolz. "Den Kampf gegen die Feinde des Islam - den Kampf für unsere Erziehung und unsere Art zu leben."

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In der Taliban-Schule studieren Männer Koran und Scharia - eine Kampfausbildung erhalten sie laut Schule nicht.

Diese Art zu leben richtet sich streng nach dem islamischen Recht, der Scharia. Alle hier sind von der Überlegenheit des Islam überzeugt. "Ich glaube, im Vergleich zu anderen Religionen gibt der Islam eine bessere und genauere Orientierungshilfe für die Menschen", sagt Nabeel Karki, ein Kommilitone Abduls. Entsprechend streng ist der Tagesablauf im Seminar reglementiert. Vom Aufstehen bis Sonnenuntergang: Disziplin steht im Vordergrund.

Berichte über Absolventen im Kampf

Ausbildung an der Waffe hingegen gebe es nicht, wird von offizieller Seite versichert. Aber Malik sagt: "Als die US-Amerikaner Afghanistan angriffen, verkündeten unsere religiösen Führer eine Fatwa. Das bedeutet, dass jedes Kind, jeder Mann, jede Frau ob jung ob alt aufgerufen ist, in den heiligen Krieg zu ziehen. Und auch muslimische Ausländer sind eingeladen nach Afghanistan zu kommen, um gegen die ungläubigen Besatzer zu kämpfen."

Im Internet finden sich Berichte von angeblichen Absolventen des Seminars, die erzählen, dass sie in den Semesterferien über die Grenze gegangen seien zu Taliban-Kampfgruppen. Praktikum im Kriegshandwerk. Verifizieren lassen sich solche Berichte nicht.

Eine Luftaufnahme der Haqqania-Schule in Pakistan (Archivbild von 2005). | picture-alliance/ dpa/dpaweb

Eine Luftaufnahme der Haqqania-Schule in Pakistan, an der islamistische Extremisten studieren (Archivbild von 2005). Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Gegen Afghanistans "Verwestlichung"

Fest steht allerdings, wer die Kaderschmiede des Dschihad finanziert: die pakistanische Regierung. Die macht daraus auch keinen Hehl. "Das Geld, das wir ihnen geben, muss für Infrastruktur verwendet werden", sagt Shauqat Ali Yousafzai, Sprecher der Provinzregierung und Parteifreund von Pakistans Premierminister Imran Khan. Den Vorwurf der Terrorfinanzierung weist er weit von sich: "Wir haben damit Häuser renoviert, Schlafzimmer, Bäder, Küchen. Was ist daran falsch?"

Mit der Unterstützung der Taliban-Uni erhofft sich die pakistanische Regierung, Einfluss zu erkaufen. Sie will bei der Neuordnung des Nachbarlandes Afghanistan mitmischen. Das wird vor allem nun, da die NATO von dort abzieht. Dass die afghanische Regierung und ihre Armee ohne westliche Unterstützung dem militärischen Druck der Taliban standhalten, glaubt in der Region niemand.

Die Stunde der Taliban wird kommen. Davon ist auch Student Malik überzeugt. "Die afghanische Regierung sollte sich mit den Gotteskämpfern unter dem Islam vereinigen. Stattdessen hört sie auf die Amerikaner und nimmt deren Geld." Die Verwestlichung der afghanischen Gesellschaft müsse wieder zurückgedrängt werden.

"Verwestlichung", das steht bei den Taliban für Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung von Frauen. Malik wird nach seiner Ausbildung zurückgehen nach Afghanistan. Vielleicht wartet dann schon ein Posten auf ihn in einer Regierung der Taliban. Noch ist es nicht so weit. Aber im Haqqania-Seminar ist man vorbereitet.

Diese Reportage sehen Sie auf tagesschau24. Die nächste "Weltspiegel"-Sendung sehen Sie am Sonntag, 4. Juli 2021 um 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Juni 2021 um 09:00 Uhr.