Taliban-Kämpfer bei einer Anti-Pakistan-Demonstration in Kabul. | AP
Analyse

Taliban in Afghanistan Pakistans Doppelrolle

Stand: 09.09.2021 03:01 Uhr

In Kabul regieren Männer, die auf Terrorfahndungslisten stehen. Wer könnte daran ein Interesse haben? Manche sagen, Pakistan freue sich über den Machtwechsel - hat es ihn aber auch unterstützt?

Von Gabor Halasz, NDR

Sie wünschen Pakistan den Tod. Hunderte sind auf den Straßen von Kabul, viele Frauen. Für sie ist klar, wer Schuld hat, dass die Taliban wieder stärker werden und damit ihr freies Leben in großer Gefahr ist. Es ist Pakistan und der mächtige Geheimdienst ISI.

Gabor Halasz

"Pakistan soll sich nicht in unserem Land einmischen", schimpft eine Demonstrantin. "Wir sind ein freies Land. Der ISI soll uns nicht regieren." Der ISI steht im Verdacht, die Fäden zu ziehen. Dazu passt, dass der Chef dieses Geheimdienstes vor wenigen Tagen in Kabul landete. Bilder landeten davon im Netz. Sie zeigen einen freundlichen General, der den Besuch belächelt. "Keine Sorge, alles wird gut", sagt er der Reporterin.

Was bedeutet der Besuch des pakistanischen Geheimdienst-Chefs?

Doch viele machen sich Sorgen. Der Besuch der Pakistaner in Kabul ist für Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network alles andere als ein Zufall: "Für mich war der Kabul-Besuch des ISI-Chefs ein deutliches Zeichen: Das hier ist jetzt unser Einflussgebiet." Und Christian Wagner von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" ergänzt:

Es hat mich nicht erstaunt. Man kann natürlich zum einen sagen, Pakistan hat ja immer auch die Taliban mit unterstützt. Auf der anderen Seite hat man natürlich mit Afghanistan von pakistanischer Seite eine Reihen von Problemen.

Das heißt: Pakistan selbst wurde immer wieder Opfer großer Terroranschläge. Trotzdem beglückwünschte Premierminister Imran Khan die Taliban, nachdem sie die Macht in Kabul übernommen hatten. Sie hätten die Ketten der Sklaverei durchschlagen.

Führende Taliban leben seit Jahren in Pakistan

Vorwürfe, sein Land sei ein Rückzugsort, weist er aber zurück. Wo sollen denn die Zufluchtsorte sein, fragt Khan: "Die Taliban tragen keine Militäruniform. Das sind normale Zivilisten. Wie soll Pakistan diese wenigen zur Strecke bringen?" Doch ein bedeutender Teil der Taliban-Spitze lebt seit vielen Jahren in Pakistan rund um die Stadt Quetta. Das Haqqani-Netzwerk, ein besonders brutaler Zweig, ist in der Region zu Hause. Und der Anführer Sarajuddin Haqqani wurde gerade zum afghanischen Innenminister ernannt. Er steht auf den Terror-Fahndungslisten der USA.

Pakistan spielt traditionell eine Doppelrolle. Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network beschreibt die Strategie: "Pakistan hat die Taliban natürlich immer unterstützt, und das gleichzeitig dementiert. Sie haben aber mit dem ISI Strukturen entwickelt, um das abzustreiten."

Pakistan will nicht zwischen die Fronten geraten

Dabei war Pakistan auch immer Ziel von Anschlägen der Taliban. Millionen von afghanischen Flüchtlingen kamen ins Land. In Islamabad ist die Regierung sicher zufrieden, dass die Amerikaner aus dem Nachbarland abgezogen sind. Neue Flüchtlinge aber will keiner. Dazu kommt: Pakistan fürchtet immer wieder, zwischen die Fronten zu geraten. Auf der einen Seite der Erzfeind Indien. Auf der anderen Seite Afghanistan.

Das heißt: Es ist nicht im Sinne Pakistans, wenn die Regierung in Kabul gute Beziehungen nach Neu Delhi hat. Die neue Regierung, in der auch Taliban Hardliner sitzen, kann aber nicht im Interesse Pakistan sein - meint der Experte Christian Wagner.

Das zeigt vielleicht auch, dass man nicht ganz so den Hebel hat, den man vielleicht meint, in Islamabad gegenüber den Taliban zu haben. So dass vielleicht auch hier der Prozess einsetzt, dass die Taliban vielleicht die Unterstützung Pakistans gern annehmen, aber dann doch nach ihren eigenen Interessen entscheiden.

Doch ohne den mächtigen Nachbarn im Osten wird es wohl keinen Frieden in Afghanistan geben. Das hat sich auch nach der Machtübernahme der Taliban nicht geändert.

Dieser Beitrag lief am 09. September 2021 um 11:31 Uhr auf Inforadio.