Eine leere Straße in Hainan | AFP

Lockdowns in China Null-Covid und kein Ende in Sicht

Stand: 16.08.2022 11:34 Uhr

In vielen Teilen Chinas werden derzeit Lockdowns verhängt - so wie auf der Urlaubsinsel Hainan. Die Regierung bleibt bei der Null-Covid-Politik. Die Folge: Massentests, Lockdowns und Reiseverbote. Die Nerven liegen bei vielen blank.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Millionen Menschen in zahlreichen Städten befinden sich in China derzeit im Lockdown. Sie dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen - außer für verpflichtende PCR-Tests - und sind auf Essenslieferungen angewiesen. Wer reist, riskiert, irgendwo festzustecken, wie Kerstin und ihr Mann:

Es ist eine angespannte Situation, es ist ein Nervenkrieg, gerade auch nach dem Lockdown in Shanghai. Wir wollten hier hinfliegen, um uns zu erholen. Das war jetzt nicht die beste Idee.
Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

So wie Kerstin geht es gerade zehntausenden Inlandstouristinnen und Urlaubern auf Hainan. Die Deutsche lebt mit ihrem Mann in Shanghai und will ihren Nachnamen nicht nennen. Sie alle stecken auf der tropischen Ferieninsel im Süden Chinas fest. Dort gibt es den derzeit größten Covid-19-Ausbruch in der Volksrepublik.

Eingesperrt im Hotelzimmer

Alle werden durchgetestet. Seit Tagen werden um die 1000 Neuinfektionen täglich gemeldet. Teile der Insel sind im Lockdown. Teilweise dürfen sich die Menschen im Freien aufhalten, viele dürfen aber ihre Wohnungen, Hotelanlagen oder sogar ihre Hotelzimmer nicht verlassen.

Auch Kerstin aus Shanghai und ihr Mann waren tagelang in einem Hotelzimmer eingesperrt, sie beklagt sich über schlechtes Essen und zu wenig Trinkwasser. Inzwischen sind sie in einer anderen Hotelanlage, auch diese dürfen sie nicht verlassen, erzählt sie, aber sie können wenigstens vor die Tür.

Zahlreiche Urlauber stecken fest

Ihren Flug konnten die beiden umbuchen, ob sie ihn wahrnehmen können, bleibt abzuwarten. Bei den Tests müssen sie eine Gesundheits-Code-App vorzeigen, in der man sich täglich um die Abfluggenehmigung bewerben müsse, erzählt Kerstin.

Auf der tropischen Ferieninsel waren nach offiziellen Angaben zwischenzeitlich rund 180.000 Urlauber gestrandet. Mehrere Tage wurden fast alle regulären Flüge gestrichen. Inzwischen wurde der Linienflugbetrieb wieder aufgenommen. Zahlreiche Urlauber durften die Insel verlassen, doch Zehntausende stecken noch fest.

Für Zehntausende ist nach wie vor unklar, wann und wie sie nach Hause kommen. Viele beklagen sich über intransparente Informationspolitik der Lokalregierung in Hainan. Kerstin hätte sich ihren Urlaub anders vorgestellt, es sei sehr anstrengend, sagt sie. Sie glaubt, dass es ihrem Mann und ihr im Vergleich zu den Einheimischen der Insel jedoch relativ gut gehe:

Ich glaube, die Menschen hier machen gerade eine sehr schlimme Zeit durch. Für die ist das der erste große Lockdown, die trifft es noch viel härter als uns.

Millionen in Lockdowns

Größere Ausbrüche mit hunderten Fällen gibt es auch in Tibet und Xinjiang, kleinere Ausbrüche mit nur wenigen Fällen im ganzen Land verteilt. Millionen Menschen in der Volksrepublik befinden sich in einer Art von Lockdown, dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen oder können nicht reisen.

Die Staats- und Parteiführung hält nach wie vor an ihrer Null-Covid-Strategie fest - auch wenn der Rest der Welt lernt, mit dem Virus zu leben. Selbst in Städten ohne Lockdown bestimmen die strengen Regeln den Alltag. Alle paar Tage müssen die Menschen einen PCR-Test machen, damit sie in Supermärkte dürfen oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen können.

Die Nerven liegen bei vielen blank

Ein Video aus einem Ikea-Möbelhaus in Shanghai vom Samstag zeigt, wie Kundinnen und Kunden in Panik versuchen zu fliehen, Behördenmitarbeiter versuchen sie aufzuhalten. Wegen eines Kontakts zu einem positiven Fall sollten die Menschen in der Ikea-Filiale in eine zentrale Quarantäne-Einrichtung gebracht werden.

Doch bei vielen liegen die Nerven blank – nicht nur Shanghai, wo die mehr als 25 Millionen Einwohner im April und Mai zwei Monate lang ihre Wohnungen nicht verlassen durften.

Die strikten Covid-19-Maßnahmen hinterlassen zunehmend auch ihre Spuren in der Wirtschaft. Das Wachstum gerät ins Stocken. Die Jugendarbeitslosigkeit in China ist auf ein Rekordhoch geklettert

Eine Exit-Strategie aus der Null-Covid-Politik gibt es nach wie vor nicht. Vor allem Millionen alte Menschen sind nicht vollständig geimpft. Die Befürchtung: Bei unkontrollierten Ausbrüchen könnte das Gesundheitssystem zusammenbrechen und viele Menschen könnten sterben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2022 um 05:51 Uhr.