Kim Jong-Un besucht im November 2021 die Stadt Samjiyon (Nordkorea) | AFP

Nordkoreas Kim Jong-Un Entschlossen, skrupellos - und immer noch da

Stand: 22.12.2021 06:49 Uhr

Mit nicht einmal 30 Jahren rückte Kim Jong-Un Ende 2011 an die Spitze Nordkoreas. Er erwies sich schnell als skrupelloser und zugleich wendiger Diktator. Inzwischen räumt er dramatische Wirtschaftsprobleme ein.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Jubelrufe für den neuen Herrscher: Es ist der erste Auftritt Kim Jong Uns nach seiner Machtübernahme, und er will Stärke zeigen. Er werde "energisch kämpfen", verspricht er im April 2012, "als der richtige Nachkomme eines großartigen Führers und als der richtige Krieger und Jünger eines großen Generals, um die Nation zu einen".

Kathrin Erdmann ARD-Studio Tokio

Der junge Herrscher gibt sich mal volksnah, mal grausam. So lässt er ein Jahr später seinen Onkel hinrichten, bevor der ihm gefährlich werden könnte.

Diese Mischung hält Mason Richey, außerordentlicher Professor für Internationale Politik an der Hankuk Universität in Seoul, vielleicht für Kims wichtigste Errungenschaft. Es sei "fast erstaunlich", dass Kim noch an der Macht sei, denn Nordkorea sei ein "Haifischbecken", und Kim habe sich "gegen viele andere Haie behauptet".

Am 27.12.2011 geleitet Kim Jong-Un den Sarg seines verstorbenen Vater Kim Jong-Il in Pjöngjang (Nordkorea). | dpa

Ende Dezember 2011 geleitet Kim Jong-Un den Sarg seines verstorbenen Vater Kim Jong-Il. Hinter ihm steht sein Onkel Jang Song Thaek, den er zwei Jahre später hinrichten ließ Bild: dpa

Gewieft an den Machthebeln

Richey bezeichnet den Diktator im Gespräch mit der ARD als multidimensional. Als einen Mann, der inzwischen genau wisse, wie man die Hebel der Macht bediene.

Dazu zählen natürlich auch die bislang vier Atomtests. Den ersten ließ er 2013 machen. Drei Jahre später folgen zwei weitere. Nordkorea, sagt Richey, sei damit jetzt "teilweise auf Augenhöhe mit den USA und China, und das ist für ein kleines, armes Land ziemlich beeindruckend".

Die Folgen des Falles Warmbier

Doch nicht nur dadurch werden die Beziehungen vor allem zu den USA auf eine harte Probe gestellt. Im Frühjahr 2016 wird der US-amerikanische Student Otto Warmbier wegen des Diebstahls eines Posters in Pjöngjang zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, ein gutes Jahr später wird er im Wachkoma freigelassen und stirbt wenige Tage nach seiner Rückkehr in die USA.

Wie die Umstände seines frühen Todes auch gewesen sein mögen, sie hätten dem Ansehen Nordkoreas nachhaltig geschadet, glaubt Wissenschaftler Richey. Denn dieser Fall "befeuere" immer noch Menschen in den USA, die für Menschenrechte kämpfen. Das aber mache es schwieriger, bei den USA für eine Aufhebung der Sanktionen zu werben.

Otto Warmbier 2016 vor Gericht in Nordkorea | REUTERS

Wegen eines Posterklaus demonstrativ vor Gericht gestellt: Der Fall Otto Warmbier belastet die Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea noch heute. Bild: REUTERS

Ständige Drohung

Im Frühjahr 2017 lässt Kim vermutlich seinen Halbbruder Kim Jong Nam auf einem Flughafen in Malaysia mit einem Nervengift töten.

Es folgen diverse Raketen- und ein vierter Atombombentest. Das Verhältnis mit den USA spitzt sich immer weiter zu. Im Januar 2018 sagt Kim:

Die gesamten USA sind in der Reichweite unserer Atomwaffen. Und der Atomknopf steht immer auf meinem Tisch. Das ist die Realität, keine Drohung.

Annäherung an Trump

US-Präsident Donald Trump droht zurück, doch dann stehen die Zeichen plötzlich auf Annäherung. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in übernimmt die Vermittlerrolle. Er und Kim treffen sich im April 2018 an der Demarkationslinie zwischen beiden Staaten, im Juni folgt der Gipfel zwischen Kim und Trump in Singapur.

Man wolle die Vergangenheit hinter sich lassen, die Welt werde einen bedeutsamen Wandel erfahren, sagt Kim dort. Hoffnungsvoll guckt die Welt deshalb auf den zweiten Gipfel zwischen Trump und Kim im Februar 2019. Doch der endet zur Überraschung vieler ohne eine Einigung.

Eine verpasste Chance, so der Chef des auf Nordkorea spezialisierten Nachrichtenportals NK News, Chad O’Carroll, der bei aller Kritik an Trump trotzdem findet, es sei gut gewesen, dass ein US-Präsident "mal einen anderen Weg" ging. Denn auch wenn das ein Weg mit vielen Stolpersteinen sei, brauche es doch auch Kreativität, um dieses Problem zu lösen.

Rückkehr zur nuklearen Diplomatie

Monatelang passiert nichts, aber Kim hält zumindest und trotz verschärfter Sanktionen sein Versprechen, auf weitere Waffentests zu verzichten. Erst im Januar 2020 spricht er wieder davon.

Und taucht dann einige Monate später ab. Die Gerüchteküche brodelt, der stark übergewichtige Diktator könnte schwer krank sein. Immer wieder tritt seine Schwester Kim Yo-jong ins Rampenlicht - seine mögliche Nachfolgerin? Immerhin stammt sie aus derselben Blutlinie, was in Nordkorea sehr wichtig ist.

Im Frühjahr 2021 verschwindet Kim erneut und kehrt dann sichtlich schlanker wieder zurück. Vielleicht habe er sich den Magen verkleinern lassen, lautet eine Theorie.

Fakt ist: Kim ist auch jetzt noch dicker als die meisten seiner Landsleute, denn Nordkorea gehe es wirtschaftlich schlecht, das räumte sogar der Diktator ein. Hungern müsse keiner, sagt Journalist O’Carroll, aber die anhaltende Mangelernährung werde langfristige Folgen haben, fürchtet er.

Abgeschottet in der Pandemie

Was ihm mindestens genau solche Sorgen bereitet: dass sich das Land seit der Pandemie noch weiter abgeschottet habe. Kaum jemandem gelingt noch die Flucht und Kim sitzt fester denn je im Sattel. Die Nordkoreaner blickten "in eine fürchterliche Zukunft". Es sehe nicht so aus, als würde sich auf absehbare Zeit etwas in dem Land verbessern. 

Auch Wissenschaftler Richey ist pessimistisch und rechnet bereits mit weiteren Raketen- und sogar Atomtests. Dazu werde es kommen, wenn es für die Führung strategisch sinnvoll sei - sowohl aus technischer als auch aus diplomatischer Sicht. Aber vermutlich nicht vor den Olympischen Spielen in Peking, um seinen wichtigsten Verbündeten China nicht zu verprellen.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Mai 2020 um 19:45 Uhr.