Außenminister Joseph Wu stellt den neuen Pass vor | Bildquelle: REUTERS

Dokument in Taiwan Neuer Reisepass als Affront gegen China

Stand: 11.01.2021 11:07 Uhr

Auf Taiwans neuem Reisepass steht der Name "Taiwan" deutlich prominenter als zuvor. Der Zusatz "Republic of China" ist dagegen stark geschrumpft. Ein Affront gegen China, das Taiwan als Teil seines Reiches sieht.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Schon um sieben Uhr morgens bildet sich vor der Konsularabteilung in Taipeh eine lange Warteschlange, obwohl erst eineinhalb Stunden später geöffnet wird. Grund für den Andrang ist Taiwans neuer Reisepass. Darauf steht der Name des Inselstaates in lateinischen Großbuchstaben an prominenter Stelle. Geschrumpft dagegen und nun ausschließlich in chinesischen Lettern ist der Zusatz "Republic of China" zu lesen.

"Ich denke, dass die Menschen wissen, dass der neue Pass Taiwan durch den größeren Schriftzug hervorhebt", sagt ein Beamter. Taiwan habe die aktuelle Corona-Pandemie weltweit am besten gemeistert. Wenn nun die Menschen mit dem neuen Pass auf Reisen gingen, werde ihnen daher mehr Respekt entgegengebracht.

Nachfrage ist hoch

In einem Video der chinesischsprachigen Tageszeitung "Liberty Times" erzählt der Beamte Hung Tsung-his, dass viele Taiwaner einen Ausweis mit dem neuen Design bekommen möchten, obwohl ihr alter noch gar nicht abgelaufen ist. Der Pass kostet für Erwachsene umgerechnet 37 Euro, für Kinder unter 14 Jahre 26 Euro.

"Ich bin heute besonders früh aufgestanden und, nachdem ich meine Kinder weggebracht hatte, hierher gekommen und habe mich ein die Schlange gestellt", sagte eine Taiwanerin, die zu den ersten Antragstellenden gehört. Ich hatte die Nummer drei, um den neuen Pass mit dem großen Schriftzug 'Taiwan' zu beantragen. Wer heute dabei ist, bekommt sogar noch einen kleinen Schlüsselanhänger geschenkt und kann an einer Lotterie teilnehmen.

alt Karte: China mit Peking und Taiwan

Hintergrund: Taiwan und die "Ein-China-Politik"

China betrachtet Taiwan seit 1949 als abtrünnige Provinz. Mit ihrer "Ein-China-Doktrin" fordert die kommunistische Führung in Peking, dass kein Land diplomatische und andere offizielle Beziehungen zur demokratischen Regierung im taiwanesischen Taipeh unterhalten darf, wenn es ein normales Verhältnis mit China pflegen will. Die meisten Staaten, darunter auch die USA, halten sich seit Jahrzehnten an dieses Prinzip.

Auch Deutschland unterhält keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan. Da facto sind die bilateralen Beziehungen aber "gut und intensiv", so das Auswärtige Amt. Für Deutschland ist Taiwan einer der wichtigsten Handelspartner in Asien.

Die heikle Situation geht auf den Bürgerkrieg in China zurück, als die Truppen der nationalchinesischen Kuomintang vor den Kommunisten nach Taiwan flüchteten. Mehr als zwei Jahrzehnte hielt die "Republik China" - so die offizielle Bezeichnung für die Regierung in Taipeh - sogar den ständigen Sitz Chinas im Weltsicherheitsrat. Erst 1971 musste sie ihn an die kommunistische Regierung in Peking abgeben.

Für Aussöhnung zwischen beiden Seiten sorgte ein vager Konsens, wonach beide zu "einem China" gehören, auch wenn sie unterschiedliche Interpretationen akzeptierten, was darunter zu verstehen ist.

Neuer Pass leichter identifizierbar

Die Idee für den neuen Ausweis hat die Taiwan Statebuildung Partei vorangetrieben. Der Abgeordnete Chen Bo-wei ist sichtlich stolz auf das neue Dokument: "Es ist zwar nur ein kleiner Schritt, der aber de facto das nationale Passdokument verändert. Dadurch wird die Welt Taiwan kennenlernen und wahrnehmen." Das sei ein sehr erhebendes Gefühl, so der Abgeordnete.  

Denn anders als bisher kann man jetzt optisch deutlicher zwischen dem chinesischen und der taiwanischen Ausweis unterscheiden. Und genau das ist auch das Ziel. So könne man ihn leichter als taiwanischen Pass identifizierbar machen, sagt Außenminister Joseph Wu.

Man habe bereits alle Länder benachrichtigt und die international Flugevereinigung IATA gebeten, alle Fluglinien zu informieren, damit es mit dem neuen Pass keine Probleme gebe. Dass dann auf den Anzeigetafeln in den Flughäfen auch nur noch "Taiwan", und nicht mehr "Taiwan, China" steht, ist damit aber natürlich noch nicht ausgemacht.

Die Volksrepublik dürfte sich einmal mehr durch Taiwan provoziert fühlen. Und das so kurz, nachdem US-Außenminister Mike Pompeo gerade alle Kontaktbeschränkungen für US-Diplomaten aufgehoben hat und Mitte der Woche die amerikanische UN-Botschafterin in Taipeh erwartet wird. 

Provokation: Taiwan gibt neuen Reisepass aus
Kathrin Erdmann, ARD Tokio
11.01.2021 10:07 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Januar 2021 um 17:35 Uhr.

Darstellung: