Frauen demonstrieren in Kathmandu gegen geplante Reisebeschränkungen und gegen Gewalt | AFP

Frauenrechte in Nepal Sie soll erst fragen

Stand: 24.02.2021 11:17 Uhr

Nepals Frauenverbände laufen Sturm gegen einen Gesetzesvorschlag. Die Regierung will mitten in einer Regierungskrise die Reisefreiheit jüngerer Frauen beschränken - und an die Zustimmung der Familie knüpfen.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Südasien

Seit Monaten steckt Nepal in einer politischen Krise. Der kommunistische Ministerpräsident Khadga Prasad Sharma Oli hat im Zuge eines Machtkampfs in seiner Partei das Parlament aufgelöst. Nach Massenprotesten ordnete Nepals höchstes Gericht an, das Parlament innerhalb von zwei Wochen wieder einzusetzen. Vorerst ist das Land politisch führungslos.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Trotzdem plant die Regierung eine Gesetzesänderung, gegen die Frauenverbände Sturm laufen. Frauen bis 40 Jahre sollen nur noch mit dem Einverständnis ihrer Familie allein ins Ausland reisen können. Das Innenministerium begründet die Änderung damit, dass Nepal mehr für die Sicherheit seiner Frauen im Ausland tun müsse.

Tasächlich dringen die Frauenverbände des Landes schon lange darauf - ihre Forderungen gehen aber in eine andere ganz andere Richtung. Ihnen geht es um die Verbesserung der Situation von Arbeitsmigrantinnen. Um sie kümmere sich Nepals Regierung kaum.

Armut zwingt zu Migration

Jahr für Jahr suchen rund 1,5 Millionen Nepalesinnen und Nepalesen im Ausland einen Job, so Nepals Menschenrechtskommission. Das Land gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Für Frauen gibt es kaum Arbeitsplätze. Die Pandemie hat die Lage noch einmal verschlechtert.

Junge Frauen suchen deshalb in Indien, in den Golfstaaten, Malaysia, Afrika oder in China Arbeit. Die Überweisungen der Arbeitsmigranten und -migrantinnen tragen zum Bruttoinlandsprodukt 30 Prozent bei - vor allem aus den Golfstaaten.

Viele Frauen würden aber unter falschen Versprechungen ins Ausland gelockt, 15.000 Frauen allein im Jahr 2018, so die Menschenrechtskommission. Vermittlungsagenturen versprachen ihnen gut bezahlte Jobs. Zusätzlich werden pro Jahr circa 20.000 Mädchen und junge Frauen zwischen acht und 18 Jahren verkauft. Viele landen im Sexgewerbe, vor allem in Indiens Bordellen, so Amnesty International.

Auch Arbeitsmigrantinnen werden zur Prostitution oder Zwangsarbeit gezwungen, in Privathaushalten oder in Fabriken, sagt Mona Sherpa von der Hilfsorganisation Care. "Wir kennen zahlreiche Fälle, in denen Frauen eingesperrt, geschlagen, vergewaltigt oder ermordet wurden."

Frauen in Schwarz demonstrieren in Kathmandu gegen Gewalt gegen Frauen und die Einschränkung ihrer Freiheit | AFP

Sie sind wütend und sie demonstrieren seit Wochen: Nepalesische Frauen wehren sich gegen die Einschränkung ihrer Freiheit und gegen sexuelle Gewalt im Land. Bild: AFP

Diskriminierung statt Schutz

Sherpa kämpft seit langem darum, die Situation von Arbeitsmigrantinnen zu verbessern. Dass das Innenministerium jetzt ausgerechnet ihre Forderung, den Frauen zu helfen, ins Gegenteil verkehrt, sei eine klare Diskriminierung. "Nach  jahrelangem Druck von uns haben sie sich überhaupt erst bewegt. Doch statt einen schlüssigen und durchdachten Plan vorzulegen, der den Frauen Hilfe anbietet, kommen sie damit."

Die patriarchale Denkweise von Nepals Männern führe bei dem Entwurf die Feder. Nepals Frauen sollen sich unterordnen oder gar unterwerfen.

Demonstranten in Nepal protestieren mit einer nachgestellten Beisetzung gegen die hohe Zahl von Vergewaltigungen im Land. | AFP

Die Zahl von Vergewaltigungen hat in Nepal stark zugenommen - auch darauf machen Demonstranten mit einer nachgestellten Beisetzung aufmerksam. Bild: AFP

Zusätzliche Vorgaben

Noch liegt der Entwurf bei den Juristen des Innenministeriums auf dem Tisch. Doch der Inhalt steht offenbar fest, und er sieht neben der Zustimmung der Familie weitere Auflagen vor. Künftig müssten Frauen auch eine teure Lebensversicherung abschließen, eine Hotelbuchung und ein bezahltes Rückflugticket vorlegen. Soll aus dem Entwurf eine Gesetzesänderung werden, muss das Parlament zustimmen. Dort sitzen vor allem Männer als Abgeordnete.

Dass sie die Unabhängigkeit von Frauen unterstützen, ist für Mona Sherpa mehr als fraglich. Wenn die Gesetzesänderung kommt, könnten junge Frauen nicht mehr ihr Land ohne Einverständnis ihrer Väter oder Ehemänner verlassen. Die haben das Sagen in den Familien. Nepals Frauenverbände wollen die Gesetzesänderung verhindern.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Februar 2021 um 14:51 Uhr.