Navid Kermani

Kermani zu Protesten im Iran "Es geht hier um alles"

Stand: 22.09.2022 23:28 Uhr

Ein immer repressiveres Regime, die Wirtschaftskrise, fehlende Minderheitenrechte - die Proteste zeigen die tiefe Unzufriedenheit der Iraner, sagt der Schriftsteller Kermani in den tagesthemen. Er rechnet mit einem noch brutaleren Durchgreifen der Polizei.

Die Proteste im Iran zeigen laut dem Schriftsteller Navid Kermani die tiefe Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime. "Natürlich geht es um Frauenrechte, die massiv benachteiligt sind", sagte der deutsch-iranische Schriftsteller im Interview mit den tagesthemen. Es gebe aber auch großen Unmut aus anderen Gründen: "Es geht um die täglichen Gängeleien, um die Rechte der Minderheiten, um die Wirtschaftskrise - es geht hier um alles." Die Demonstranten forderten nicht nur einzelne Reformen - auf den Straßen werde ganz offen die Systemfrage gestellt. "Das ist eine Absage an die herrschende Elite."

Kermani zollte den Frauen und den Protestierenden Respekt für ihren Mut. Die Menschen "entwickeln ein enormes Selbstbewusstsein im Kampf gegen das Regime und sind trotz Lebensgefahr jeden Abend auf den Straßen". Es sei "unglaublich, mit welcher Kraft und Energie diese Menschen für ihre Rechte kämpften gegen ein System, das schon vielfach gezeigt habe, dass es, wenn es mit dem Rücken zur Wand steht, zuschlägt.

"Noch mehr Polizeigewalt"

Mit Blick auf die großen Proteste im Jahr 2019 rechnet er allerdings auch diesmal mit einem harten Durchgreifen der Sicherheitsbehörden. Dass das Regime nun das Internet abgeschaltet habe, bedeute einerseits, dass die Absprachen zwischen den Demonstranten schwerer werden und die Informationen nur schwer fließen können. Es bedeute aber wahrscheinlich auch, "dass demnächst zugeschlagen wird". Er befürchte, "dass es zu noch mehr Polizeigewalt kommt".

In diesem Zusammenhang kritisierte Kermani das "dröhnende Schweigen" der europäischen Regierungen. Seiner Einschätzung nach hänge dies mit den Verhandlungen über das Atomabkommen zusammen. "Man will das irgendwie retten, und da hält man eben lieber still". Dies sei aber nicht klug, denn ohne eine friedliche Gesellschaft werde es auch keine Stabilität im Iran geben.