Ein israelischer Luftschlag in Gaza-Stadt. | AP

Gewalt in Nahost Eskalation trotz Vermittlungen

Stand: 15.05.2021 03:34 Uhr

Die Hamas hat laut Medienberichten in eine Waffenruhe eingewilligt, doch Israel will die militanten Palästinenser weiter schwächen. Internationale Vermittler versuchen, den Eskalationskreislauf zu durchbrechen und weitere Opfer zu verhindern.

Mit Panzerbeschuss und neuen Luftangriffen haben die israelischen Streitkräfte am Freitag Tausende Palästinenser zur Flucht aus ihren Häusern gezwungen. Mit Attacken auf das Tunnelsystem der Hamas versuchte Israel offenbar, vor einer möglichen Waffenruhevereinbarung dem militärischen Flügel der islamistischen Palästinenserorganisation noch größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Die Nachrichtenagentur AP berichtete mit Bezug auf ägyptische Vermittlerkreise, die Hamas habe bereits einer Waffenruhe für ein Jahr zugestimmt, die Donnerstag um Mitternacht begonnen hätte, Israel aber nicht.

Eskalation im Westjordanland

Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen immer weiter, im Gazastreifen wurden bis Freitagabend mindestens 126 Tote gemeldet, darunter 31 Kinder und 20 Frauen. Im besetzten Westjordanland kam es zu den heftigsten Protesten seit 2017. Palästinenser verbrannten Autoreifen und warfen Steine auf israelische Soldaten. Die Soldaten eröffneten das Feuer und töteten nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörden mindestens zehn Personen. Ein weiterer Palästinenser wurde getötet, als er versuchte, einen israelischen Soldaten zu erstechen.

Auch in israelischen Städten hielt die Gewalt zwischen radikalen Juden und Arabern an. Der Geheimdienst Schin Bet erklärte, er werde gegen Gewalttäter auf beiden Seiten vorgehen. Benny Gantz in seiner Funktion als Justizminister forderte die großen sozialen Medien auf, umgehend Aufrufe und Anstiftungen von Extremisten zur Gewalt zu entfernen.

Netanyahu gibt sich kämpferisch

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bekräftigte in einer Video-Erklärung, sein Land werde der "Hamas einen sehr hohen Preis abverlangen". Diese gab sich nach außen hin ebenso entschlossen und feuerte weiter Raketen auf Israel ab, rund 2000 waren es bis Freitag, wie das israelische Militär mitteilte. Die meisten davon wurden abgefangen, doch in den vergangenen Tagen kamen auch in Israel mindestens sieben Menschen ums Leben.

Das Tunnelsystem "Metro"

Der Gazastreifen ist eines der am engsten besiedelten Gebiete der Welt. Israel beobachtet den Küstenstreifen permanent - etwa mit Drohnen aus der Luft oder über elektronische Überwachung. Für Kämpfer und Kommandeure bedeutet das: Sie müssen sich etwas ausdenken, um unbemerkt von A nach B zu kommen, um Waffen zu transportieren oder zu fliehen.

Hier kommt ein System ins Spiel, das die israelische Armee "Metro" nennt. Es handelt sich um ein weit verzweigtes, kilometerlanges System aus Tunneln. Es birgt für die israelische Armee enorme Herausforderungen. Denn greift Israel die Tunnel an, kann es wegen der dichten Besiedlung im Gazastreifen auch zu Opfern in der Zivilbevölkerung kommen.

Dass militante Organisationen im Nahen Osten Tunnel bauen, ist weit verbreitet. Auch die Hisbollah im Libanon versucht so, geheime Wege nach Israel zu schaffen, um möglicherweise anzugreifen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Israel mobilisierte Tausende Reservisten, die für eine Bodenoffensive eingesetzt werden könnten. Doch bis Freitag gab es keine Anzeichen eines Einmarsches. Hamas-Sprecher Abu Obeida sagte, seine Organisation habe keine Angst vor einer israelischen Bodenoffensive. Diese erhöhe nur die Chance, Soldaten zu töten oder gefangen zu nehmen. An der Grenze aufgefahrene Panzer feuerten nach Angaben von Militärsprecher Jonathan Conricus unterstützt von der Luftwaffe auf ein Tunnelnetzwerk unter Gaza-Stadt. Man habe versucht, zivile Opfer zu vermeiden, doch sei es nicht möglich gewesen, von Zivilisten bewohnte Gebiete zu räumen.

Tausende Palästinenser fliehen

Im nördlichen Gazastreifen wurde eine sechsköpfige Familie bei einem Luftangriff auf das vierstöckige Haus getötet, in dem sie wohnte, wie Einwohner sagten. Auch der Hausbesitzer und seine Frau seien getötet worden; das Haus sei völlig zerstört worden. Aus den Randbezirken von Gaza-Stadt flohen Palästinenser mit hastig gepackten Habseligkeiten, oft ohne zu wissen wohin.

Adnan Abu Hasna, ein Sprecher des Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, sagte, Tausende seien in die 16 Schulen der Hilfsorganisation eingebrochen, um dort Unterschlupf zu finden. Einer von ihnen war Mohammed Ghabajen. Seine Kinder hätten seit dem Tag zuvor nichts gegessen und keine Matratzen, auf denen sie schlafen könnten, sagte er. Und dann komme noch die Corona-Pandemie dazu. Er wisse gar nicht, wovor er seine Familie zuerst schützen solle, den Raketen oder dem Virus.

Bemühungen um Waffenruhe

Ägyptischen Sicherheitskreisen zufolge lehnte Israel ein Angebot der Regierung in Kairo zur Vermittlung einer Feuerpause ab. Die Vereinten Nationen forderten, die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen für Treibstoff- und Hilfslieferungen zu öffnen. In dem abgesperrten Gebiet leben etwa zwei Millionen Palästinenser. Nach UN-Schätzungen mussten rund 10.000 Palästinenser aufgrund der anhaltenden Kämpfe ihre Häuser in Gaza verlassen.

US-Diplomat als Vermittler

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas forderte die US-Regierung zur sofortigen Intervention wegen der Gewalt mit Israel auf. Abbas mache die israelische Regierung komplett für die Eskalation am Freitag verantwortlich, teilte das Präsidialbüro mit.

Im Konflikt vermitteln will jetzt der US-Spitzendiplomat Hady Amr, der am Freitagabend in Israel eintraf. US-Außenminister Antony Blinken hatte am Mittwoch gesagt, er habe Amr gebeten, sich mit Vertretern der Israelis sowie der Palästinenser zu treffen, um im Namen von US-Präsident Joe Biden um Deeskalation zu werben. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, betonte zuletzt erneut das Selbstverteidigungsrecht Israels. Die Biden-Regierung sei auf allen Ebenen engagiert, um eine Deeskalation der Gewalt zu erreichen. Psaki fügte hinzu, der Verlust von Leben sei tragisch - "ob es palästinensische oder israelische Leben sind".

Demonstrationen in anderen Ländern

In vielen Ländern kam es zu pro-palästinensischen Protesten. In Jordanien versammelten sich einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Petra zufolge mehrere Hundert Demonstranten nahe der Grenze zu Israel. Im Südlibanon wurden zwei Demonstranten durch Warnschüsse von Panzern tödlich verletzt. Ein 21-Jähriger war zuvor mit Dutzenden anderen über den Grenzzaun auf israelisches Gebiet gelangt, berichtete die staatliche libanesische Agentur NNA. Ein zweiter Demonstrant sei angeschossen worden. Er erlag später seinen Verletzungen, wie Sicherheitskreise bestätigten.

In Berlin fand ebenfalls eine Demonstration mit mehreren Hundert Teilnehmern statt. Vereinzelt waren nach Polizeiangaben auch Rufe wie "Kindermörder Israel" zu hören. Auch am Samstag wollen in Berlin verschiedene pro-palästinensische Gruppen auf die Straße gehen. In den vergangenen Tagen hatte es in mehreren deutschen Städten antisemitische und anti-israelische Demonstrationen gegeben. Es wurden Israel-Flaggen angezündet, teils antisemitische Parolen skandiert. Die Bundesregierung verurteilte antisemitische Demonstrationen und Aktionen in Deutschland scharf und stellte jüdischen Einrichtungen zusätzlichen Schutz in Aussicht.

Angst vor neuen Protesten am Tag der Nakba

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg. Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt. Sie wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Am heutigen Samstag ist Tag der Nakba (Katastrophe). Die Palästinenser gedenken dann der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Befürchtet werden neue gewaltsame Proteste. In diesem Jahr fällt der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Ramadans.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Mai 2021 um 09:50 Uhr.

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Moderation 15.05.2021 • 09:14 Uhr

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